EM 2016
Pariser Banlieues geraten ins Abseits

Die Vororte von Paris gelten als soziale Parallelwelt, Nährboden für Armut und Extremismus. Die EM sollte etwas Geld in die Banlieues spülen, hofften ansässige Unternehmer – doch sie wurden enttäuscht. Ein Rundgang.
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ParisGäbe es einen Wettbewerb um Spitzenleistungen in Geldgier und Niedertracht – die UEFA hätte beste Chancen, ihn zu gewinnen. „Wir hatten gehofft, wenigsten ein wenig von der Fußball-Europameisterschaft zu profitieren, aber das Gegenteil wird der Fall sein“, sagt Georges Sejourne mit nur mühsam unterdrücktem Zorn. Er ist der Geschäftsführer des Restaurants „Le Chalet des Crêpes“ direkt gegenüber vom Stade de France in Saint-Denis. 50 Meter weiter hatte sich am 13. November einer der Terroristen in die Luft gesprengt.

Wie viele andere Betreiber von Cafés und Restaurants war Sejourne realistisch genug, um zu wissen, dass es nicht viele Zuschauer vor oder nach einem EM-Spiel in die Banlieue ziehen werde. Aber ein wenig Laufkundschaft, das sollte schon drin sein.

Da haben die „Dyonisiens“, wie sich die Bewohner des armen Vororts nennen, nicht mit der Raffinesse der UEFA gerechnet. Und mit dem Käfig, den sie aufbauen ließ: Sobald die Zuschauer aus der Métro-Station am Stade de France kommen, werden sie wie eine Hammelherde in eine Art Gitterkäfig geleitet. Der führt sie geraden Wegs in die Zone vor dem Stadion. Ein Ausbrechen ist fast unmöglich.

Wütend starrt Sejourne auf den Zaun, der direkt vor seinem Restaurant auf der anderen Straßenseite verläuft. „Beim Meisterschaftsspiel Paris Saint-Germain gegen Olympique Marseille hatte die UEFA den schon aufbauen lassen, mit der Folge, dass wir 70 Prozent weniger Umsatz hatten als normalerweise.“

Mit „Sicherheit“ habe das nichts zu tun: „Die UEFA will einfach gewährleisten, dass so gut wie alle Zuschauer nur an den 25 Ess- und Trinkständen konsumieren, die sie und ihre Sponsoren innerhalb des Zauns betreiben.“ Und Sejourne gibt einen interessanten Hinweis: Das Konzept der UEFA habe er sich besorgt, es sei schon vor den Anschlägen des 13. November fertig gewesen.

Nur mit Hilfe eines Gerichtsbeschlusses hätten die Geschäftsleute aus Saint-Denis erreicht, dass weitere Eingänge des Stade de France geöffnet werden und nicht nur drei – insgesamt bestehen 24. Deshalb werden ein paar Zuschauer vielleicht auch bei Sejourne und seinen Kollegen vorbeikommen, hofft der Restaurantchef.

Kommentare zu " EM 2016: Pariser Banlieues geraten ins Abseits"

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  • Ich werde auf der Zugspitze ein Bier trinken.

  • Na gut aber nur wenn der Böse auch gelöscht wird.

  • Da fehlt etwas:
    in einem tatsächlich kapitalistischen System (und nicht in einem Geldsozialismus wie heute) würden den Investoren nicht nur die Gewinne zufallen, sondern selbstverständlich auch die Verluste!! So könnte z.B. JEDE Bank pleite gehen, wenn sie sich verzockt hat! Es gäbe keine "too-big-to-fail"-Banken, die ihre Verluste sozialisieren können. Bankenrettungen durch die Politik gäbe es keine, da die Macht des Staates auf ein absolutes Minimum beschränkt wäre.
    Wenn etwa den Wall-Street-Zockern absolut klar wäre, dass nichts und niemand sie raushauen wird, wenn Hochrisiko-Spekulationen in die Binsen gehen, dann gäbe es nicht diesen fatalen "Moral Hazard" wie heute...

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