EM-Tagebuch
Marseille kann auch anders

Vor etwa einer Woche überschatteten Hooligans in Marseille mit ihrer Randale die EM. Vor dem Spiel Island gegen Ungarn ist davon kaum noch etwas zu spüren. Die Fans suchen hier vor allem eins: Spaß.

Marseille kann auch anders. Oder vielmehr, die Fußballfans, die Marseille besuchen. Nur eine Woche nach den schweren Ausschreitungen zwischen Hooligans im alten Hafen der Stadt, zeigt sich die Ausgehmeile wieder von ihrer besten Seite. Etwas unverhofft ist Marseille, die uralte Stadt, einst von den Griechen besiedelt, Schauplatz des Spitzenspiels der Vorrundengruppe F. Hier treffen Island und Ungarn aufeinander, zwei Fußballzwerge. Und beide haben die vergleichsweise großen Fußballnationen Portugal und Österreich zum Auftakt ordentlich geärgert.

Gewonnen haben beide Nationen schon vor dem direkten Aufeinandertreffen. Einerseits sportlich: Island mit dem ersten EM-Punkt überhaupt, Ungarn mit dem Überraschungssieg gegen die hochgehandelten Österreicher. Aber vor allem auch, indem sie bewiesen, dass ein Fußballspiel auch ohne Eskalation auskommen kann, und das schon weit im Vorfeld.

Im Café Exit, direkt an der Promenade des alten Hafens, hängen am Freitagabend isländische Flaggen. Das zieht einige Dutzend Fans jeden Alters an. 0,007 Prozent der isländischen Bevölkerung spielen in der Fußballnationalmannschaft, hat das Wall Street Journal unlängst ausgerechnet. Schaut man auf die Massen, die sich an diesem Wochenende in den Nationaltrikots ihres Landes durch die Gassen von Marseille schieben, sind hier etwa 5-7000 Isländer unterwegs.

Wenn die bunte Mischung aus jungen Männern, Frauen, älteren Pärchen und Kindern zu ihrem an Wikinger-Schreie erinnernden Schlachtruf ansetzen, bebt die Nachtluft. Wenn die Spieler Islands allesamt „wie Thor aussehen“, wie ein Deutscher anmerkt, stehen ihnen manche Anhänger in Nichts nach.

Das Bier hier im Hafen ist mit fünf Euro den halben Liter sowohl für französische als auch isländische Verhältnisse recht günstig und fließt reichlich. Die Notdurft wird dann schon einmal zwischen den Motorbooten des Yachthafens verrichtet. Laut sind sie, aber nicht böse. Immer wieder sind Fans aus aller Welt mit dabei, Ukrainer, Schweden, Engländer. Nicht jeder hat Karten für ein Spiel seiner Mannschaft, viele hat die Ticketverlosung der Uefa hierhin verschlagen. Von den Spielorten ist Marseille sicherlich einer der attraktivsten. Ein Gefühl der Bedrohung entsteht dabei nicht.

„Alles ist besser  als letzte Woche“, kommentiert einer der Kellner des Cafés. Wie schlimm war es? „Plötzlich kamen die Russen aus der Straße dort vorne gerannt, es flogen Flaschen und Gegenstände“, erklärt der junge Mann. „Es war wie im Film.“ Ein Freund von ihm landete leicht verletzt im Krankenwagen, er selbst kam am Rand des Geschehens zum Glück gut weg. Die Polizei zeigt aufgrund ihrer Erfahrungen weiter Präsenz. Etliche Mannschaftswagen haben den gesamten Hafen umstellt. Das Bellen von Polizeihunden klingt in der Luft.

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Marseille kann auch anders

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Drei Liter Eimer mit Mojito

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