Fußball-EM in Frankreich

Märchen oder Albtraum?

Terrorängste überlagern die Freude über Fußballsiege: Die Europameisterschaft offenbart den Zustand der französischen Gesellschaft. Die Politik muss sich nun ebenso entschlossen zeigen wie die Nationalmannschaft.
  • Ulrich Pfeil
Die Europameisterschaft ist ein Seismograf für den Zustand der französischen Gesellschaft. Quelle: dpa
Französischer Fußball-Fan

Die Europameisterschaft ist ein Seismograf für den Zustand der französischen Gesellschaft.

(Foto: dpa)

MetzAls die französische Fußballnationalmannschaft im Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft in der 89. Minute den Siegtreffer zum 2:1 gegen Rumänien erzielte, schossen dem Torschützen Dimitri Payet Freudentränen in die Augen. Auch Frankreichs Präsident François Hollande, bekennender Fußballfan, dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Denn der Auftakt zur Europameisterschaft war somit auch sportlich ein Erfolg.

Nur zu gut weiß Hollande, wie solche Turniere über den Seelenzustand einer Nation entscheiden und vielleicht auch seine Wiederwahl noch ermöglichen können. Bereits den Abend vor der offiziellen Eröffnung konnte der französische Präsident als Erfolg verbuchen, tanzten doch über 80.000 Menschen freudig und friedlich zu der vom französischen House-DJ David Guetta aufgelegten Musik am Fuße des Eiffelturms in Paris.

Doch nachdem Frankreich in den vergangenen Monaten wiederholt zum Terrorziel von Dschihadisten wurde, liegt die Vermutung nahe, dass der Islamische Staat gerade auch die EM nutzen will, um der Weltöffentlichkeit seine terroristische Allmacht vor Augen zu führen.

Ulrich Pfeil ist Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine.
Ulrich Pfeil

Ulrich Pfeil ist Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine.

Die Freude über den gelungenen Einstieg in die Europameisterschaft wurde denn auch schnell getrübt. Nicht nur das brutale Vorgehen russischer Hooligans in Marseille warf einen Schatten auf das Turnier, sondern vor allem auch die Ermordung eines französischen Polizistenpaares in Magnanville bei Paris. Der 25-jährige Attentäter Larossi Abballa war bereits 2013 wegen dschihadistischer Akte zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden, was seine Radikalisierung wohl nur noch beschleunigte.

Dass er nun die beiden Polizisten vor und in ihrem häuslichen Domizil vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes ermordete, wird die Spannungen zwischen den Konfessionen weiter schüren und die Frage nach dem Zusammenhalt der französischen Gesellschaft neu aufwerfen. Für die Sicherheitskräfte und die für sie verantwortliche Politik scheint es aber schon jetzt ein vor und nach Magnanville zu geben.

Wählten die Terroristen bislang öffentliche Orte wie die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die Terrassen Pariser Cafés oder das Konzerthaus „Bataclan“ als Ziele ihres blinden Wütens, so müssen nun auch die Polizisten um das Leben ihrer Familien fürchten. Abballa tötete nicht blind, sondern wusste genau, mit wem er es zu tun hatte. Er drang bewusst in die häusliche Intimität seiner Opfer ein.

„Ich hoffe, ich weine Freudentränen“
„Ich hoffe, ihr seht mich am Sonntag Freudentränen weinen“
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Cristiano Ronaldo nach dem 2:0 der Portugiesen gegen Wales und dem Einzug in das Finale der Europameisterschaft.

„Ich wollte einen Elfmeter in einem großen Spiel wie diesem schießen“
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Frankreichs Antoine Griezmann nach dem 2:0 gegen Deutschland. Den ersten der beiden Treffer hatte er per Elfmeter erzielt, nachdem er vor zwei Monaten im Champions-League-Finale einen Strafstoß nicht verwandelt hatte.

„Ich spiele lieber hässlich und bin jetzt noch hier, als schön zu spielen und schon zu Hause zu sein“
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Portugals Defensivspieler Danilo über Kritik am Spielstil der Iberer, die in ihren ersten fünf EM-Spielen kein einziges Mal nach 90 Minuten vorne lagen.

„Höwedes könnte morgens auch ganz alleine den Verkehr auf der A5 stoppen. Beidseitig.“
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Die Frankfurter Polizei sorgte während der Halbfinal-Partie mit einigen lustigen Tweets für Aufsehen. Die Weltklasse-Grätsche des Schalkers gegen Giroud verglichen die Beamten mit dem alltäglichen Verkehr in Hessen.

„Draxler zieht rechts am Gegenspieler vorbei, wird abgedrängt – auf der Autobahn hätte das Punkte gegeben.“
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Die Beamten tippten einen witzigen Spruch nach dem anderen in die Tastatur – hier über Wolfsburgs Julian Draxler. Als Abwehrchef Jerome Boateng verletzt ausschied, hätten sie am liebsten einen ihrer Diensthunde eingewechselt. „Die sind genauso bissig“, hieß es.

„Frankreich hat diese Vorfälle überwunden und seine Lust am Leben bewiesen“
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UEFA-Vizepräsident Angel Maria Villar Llona mit seinem Fazit zur Fußball-EM in Frankreich rund acht Monate nach den Terroranschlägen in Paris.

„Niemand soll sich ausruhen. Wir sind ein gutes Team, aber wir müssen weiter an uns arbeiten. Ich muss die Jungs pushen.“
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Der walisische Nationaltrainer Chris Coleman vor dem Rückflug in die Heimat. Wales hatte völlig überraschend das Halbfinale erreicht und war dort Portugal mit 0:2 unterlegen.

Wie vielleicht wenige vor ihr ist die diesjährige Europameisterschaft nicht nur ein Seismograf für den Zustand der französischen Gesellschaft. Sie offenbart zugleich die spannungsreiche weltpolitische Lage zwischen internationalem Terrorismus und hochkochendem Nationalismus. Doch wenn die französische Politik so viel Entschlossenheit zeigen würde wie ihre Nationalmannschaft, die Equipe tricolore, die auch ihr zweites Spiel in der Schlussphase für sich entschied, dann wird sie vielleicht auch auf diesem Feld einen Sieg davontragen. Nicht auszudenken, wenn Frankreich in der K.-o.-Runde der EM auch noch auf das „perfide Albion“ treffen sollte und in der Nachspielzeit über das Ausscheiden der englischen Mannschaft entscheiden würde.

Der Autor Ulrich Pfeil ist Professor für Deutschlandstudien an der Université de Lorraine.

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