Größenwahn zur EM
Die Grenzen der Fußball-Liebe

Die Europameisterschaft beginnt, doch die Deutschen wenden sich gelangweilt ab. Das braucht niemanden zu wundern. Denn der Fußball macht sich selbst kaputt. Ein Kommentar.

MünchenZu Tausenden ziehen die Franzosen in diesen Tagen durch die Straßen. Die Massen feiern nicht, wie es andernorts zu Beginn der Fußball-Europameisterschaft üblich ist. Die Arbeiter demonstrieren. Kämpfen gegen die Arbeitsmarkt-Reform ihrer Regierung. Die vielen Streiks, die anhaltenden Proteste. Mit der EM haben sie nichts zu tun. Die Gewerkschafter würden auch dann auf die Barrikaden gehen, wenn das Fußball-Spektakel irgendwo anders über die Bühne ginge.

Gleichwohl, der öffentliche Aufruhr im Gastgeberland der EM passt irgendwie ins Bild – und überträgt sich aufs Nachbarland. Vor der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren war ganz Deutschland in freudiger Erregung. Jetzt ist davon kaum etwas zu spüren. Sicher, an den Seitenspiegeln der Autos tauchen wieder die scheinbar unvermeidlichen schwarz-rot-gelben Überzieher auf. Alles in allem aber hält sich die Begeisterung der Anhänger aber schwer in Grenzen. Das liegt gewiss auch an den durchwachsenen Auftritten der Nationalmannschaft in den vergangenen Wochen und Monaten.

Doch nicht nur. Es gibt weitere, schwerwiegende Gründe, warum die Leute dem Spektakel dieses Jahr die kalte Schulter zeigen. In den Köpfen der Menschen hat sich ein fataler Eindruck verfestigt: Sie sind überzeugt, dass sich eine korrupte Funktionärsclique die Taschen vollstopft. Vermutet haben das die meisten Fans seit Jahren. Doch inzwischen ist alles aktenkundig. Den langjährigen Präsidenten des Fußball-Weltverbands Fifa, Sepp Blatter, hat der Skandal schon aus dem Amt gefegt; mit ihm musste sein europäisches Pendant den Schreibtisch räumen, Uefa-Chef Michel Platini.

Doch das ist längst nicht alles: Wie nie zuvor wird mit dieser EM klar, dass nicht der Sport im Vordergrund steht, sondern das Geldverdienen. Wie sonst ist es zu erklären, dass in Frankreich zum ersten Mal bei einer EM 24 Teams auf dem Rasen stehen; acht mehr als bisher. Die Rechnung ist simpel: Mehr Spiele, mehr TV-Übertragungen, höhere Einnahmen.

Das sportliche Kalkül aber geht nicht auf. 24 Mannschaften, das heißt auch: Fast jedes zweite Mitglied des europäischen Fußballverbands Uefa ist mit dabei. Eine wunderbare Chance für Verbände der zweiten Reihe wie Island, die noch nie bei einer EM mitmachen durften. Andererseits steht uns vermutlich eine stinklangweilige Vorrunde bevor. Nach den ersten zwei Wochen des Turniers scheiden gerade einmal acht Mannschaften aus. 16 bleiben übrig, genau so viele wie einst überhaupt zur EM angetreten sind. Spannend wird’s daher erst mit dem Achtelfinale. 

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