Iren in Paris
Die Anti-Hooligans in Grün

Die irischen Fans machen dieser Tage in Paris vor, wie Fankultur auch aussehen kann: Trinken, feiern, singen – nur Randale sind ihnen fremd. Das gilt auch für die Nordiren – und ist alles andere als eine Momentaufnahme.

ParisParis ist grün. Nicht, weil in der Stadt der Liebe der Frühling ausgebrochen ist. Vielmehr sind es Tausende Iren, die in den Farben ihres Team durch die Straßen der Metropole ziehen. Schon seit Donnerstag lassen sich die feierwilligen Anhänger durch die gesamte City anhand ihrer Gesänge verfolgen. Und es sind bei weitem nicht nur Fans der Republik Irland, auch etliche Nordiren ziehen umher. Der vorläufige Höhepunkt am Samstag: Eine Blaskapelle vor dem Fenster, nahe des Place de Republique. Es ist eine Kunst, in einer Stadt wie Paris durchweg aufzufallen.

Die Republik Irland traf hier am Montagabend auf die Schweden, für die Nordiren geht es in der Hauptstadt erst in einer Woche gegen Deutschland auf den Platz. Paris ist der zentrale Anlaufpunkt für alle, die ihren Urlaub im grünen Trikot ihrer Mannschaft im französischen Kneipenleben verbringen wollen. Bei manchen reicht es nur für das Wochenende – und so ebbt die grüne Welle vorläufig etwas ab. Auch, weil die Fans mit Karten nun erst einmal weiterziehen. So oder so hinderte das dutzende Fans nicht, schon in der Nacht auf Montag in den letzten geöffneten Pubs nahe des Pariser Nordbahnhofs Arm in Arm, schwankend und gemeinsam mit den schwedischen Anhängern volltrunken zu feiern.

Die Iren sind so etwas wie die Anti-Hooligans des Sports. Während Russland gerade wegen Ausschreitungen im Stadion von Marseille der Ausschluss von der EM droht, und auch Irlands Nachbar England immer wieder in die Negativ-Schlagzeilen gerät, widersprechen die Schlachtenbummler von der Insel dem Klischee vom streitbaren Raubein.

Kaum eine Nation ist so reisefreudig, wenn es zu Auswärtsspielen ihrer Mannschaft geht. Allein 40.000 Nordiren werden in Frankreich erwartet – der ganze Staat hat nur rund 1,8 Millionen Einwohner. Dazu kommt eine unbestimmte Zahl der Iren aus der Republik – auch dort ist die Rede von Zehntausenden. Insgesamt wird mit mehr als 100.000 Menschen in Grün gerechnet.

An jeder zentralen Straßenecke kann man dieser Tage „Will Grigg‘s on fire“, eine Ode an den nordirischen Star auf die Melodie von „Freed from desire“, hören. Eine DJ-Version des Songs stürmte zwischenzeitlich sogar die Download-Charts in Großbritannien. Wer ist der nordirische Volksheld? Ein Stürmer, der mit Wigan Athletic gerade in die zweite englische Liga aufgestiegen ist.

Die Fußballverrücktheit zeigt sich nicht nur in den Bars und Cafés in Paris. Während sich eine halbe Zugstunde entfernt im prall gefüllten Stade de France Irland und Schweden gegenüberstanden, feierten Tausende auf der offiziellen Fanmeile am Eiffelturm. Irische Behörden hatten den Reisenden geraten, sich aus Sicherheitsgründen bevorzugt dort aufzuhalten.

Bier fließt in Strömen. Die Preise von 5,50 Euro pro halbem Liter kommen beiden Fanlagern entgegen. Als Hoolahan kurz nach der Pause für die Iren trifft, kennt der Jubel keine Grenzen. Menschen in Koboldkostümen springen umher, es wird alles umarmt, was nicht rechtzeitig Abstand gewinnt. „Ich bin 63 Jahre alt und ich mache das seit 40 Jahren, aber ich habe noch nie so ein Tor mit einem Bier in der Hand gesehen“, begeistert sich ein älterer Fan.

Der Ausgleich für die Schweden sorgt wiederum bei diesen für Ekstase. Doch beide Lager stehen Schulter an Schulter, feiern, singen und giften sich weder hier noch im Stadion an. Atmosphärische Störungen gibt es höchstens, wenn angetrunkene Iren das fleißig auswendig gelernte „Voulez-vous coucher avec moi?“ an Schwedinnen ausprobieren. Die bleiben resolut, aber humorvoll.

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Randalierer bleiben eine Minderheit

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