Joachim Löw
Der Turniertrainer und Missionar

Joachim Löw hat die Nationalelf in zehn Jahren stark geprägt. Er ist mit ihr gewachsen. Seine Turnierbilanz ist famos. Er leidet, lebt und arbeitet am Spielfeldrand mit. Und bisweilen wundert sich Löw über Löw.

MarseilleMario Gomez verletzt. Sami Khedira verletzt. Mats Hummels gesperrt. Auch Kapitän Bastian Schweinsteiger könnte fehlen. Und was macht Joachim Löw? Er bleibt gelassen. Ihn scheint bei der EM in Frankreich nichts aus dem Gleichgewicht bringen zu können. Der gereifte Turniertrainer Löw jammert nicht, sondern er verkündet vor der Halbfinal-Herausforderung in Marseille gegen Gastgeber Frankreich einfach: „Ich liebe solche K.o.-Spiele gegen so starke Mannschaften.“ Löw ist in seinem Element. Es sind die Turniertage, die den Beruf des Bundestrainers für ihn zu seinem Traumjob machen.

„Ich weiß nicht, ob ihn etwas aus dem Gleichgewicht bringen kann“, sagte Thomas Müller, der seit sechs Jahren den Bundestrainer hautnah erlebt. Die Gelassenheit, die Energie, das Selbstvertrauen, das Löw vor dem großen Kräftemessen am Donnerstag in der heißen Atmosphäre des Stade Vélodrome verströmen will, ist keine Show.

„Er wirkt auch auf uns sehr zuversichtlich. Er merkt, welche Qualität und welche Geschlossenheit die Mannschaft im Training zeigt. Das gibt ihm ein gewisses Vertrauen“, schilderte Müller die Innenansicht jenes Mannes, der auch bei seinem fünften Turnier als Chefcoach die deutsche Nationalmannschaft wieder unter die besten Vier führte.

Die Bilanz spricht für sich, sie ist unerreicht. Nur Helmut Schön schaffte fünf Halbfinalteilnahmen, aber nicht am Stück. Und wenn Löw in Frankreich den Titel holen sollte, dann hätte er zwei Jahre nach dem WM-Triumph in Brasilien eine Ära geprägt. Nur Schön, dem legendären Mann mit der Mütze, gelang 1972 (EM) und 1974 (WM) ebenfalls mit dem DFB-Team das außergewöhnliche Titel-Double.

Löw hat eine erstaunliche Entwicklung genommen in zwölf Jahren beim DFB. Er hat nicht nur das Nationalteam fußballerisch entwickelt, er ist auch selbst an seinen Aufgaben, an Erfolgen und Misserfolgen gewachsen. Bis zur endgültigen Titelreife dauerte es acht Jahre.

Er musste Entscheidungsfreude lernen. Er hat sich im DFB eine totale Unabhängigkeit geschaffen. Er könnte seinen Vertrag, der bis zur WM 2018 läuft, jetzt schon verlängern bis ins nächste Jahrzehnt. Er könnte den Betreuerstab weiter aufblähen, vermutlich sogar eine Fußpflegerin einstellen oder einen Frisör. Als zweiten Co-Trainer hat er Marcus Sorg bei seinem fünften Turnier inzwischen dabei.

Löw musste aber auch Widerstände durchbrechen im einstigen Vorstopperland Deutschland, in dem Kämpfen und Rennen über alles ging, die sogenannten deutschen Tugenden glorifiziert wurden.

Es gab einen erstaunlichen Moment, an den sich Wegbegleiter der gesamten Löw-Zeit beim DFB gerne erinnern. In einem finsteren Presseraum im Stadion von Servette Genf dozierte Löw in der Vorbereitung auf die WM 2006 über die Mängel des deutschen Fußballs und der Bundesliga. Der Assistent von Jürgen Klinsmann erlaubte sich eine schonungslose Bestandsaufnahme. Ein Raunen ging durch den Raum, aber nicht durch das Land. Es hatte nur der Co-Trainer gesprochen.

Seite 1:

Der Turniertrainer und Missionar

Seite 2:

Erfahren, treu, intelligent

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%