Zum Sieg der Deutschen
Jogi Löw mag einfach Überraschungen

Der Bundestrainer muss viel Kritik einstecken. Wegen seiner defensiven Ausrichtung kam die Offensive schlecht zum Zuge. TV-Kommentator Scholl fordert nun ein neues System. Doch der Erfolg gibt Löw Recht. Ein Kommentar.

BordeauxNehmen wir einmal kurz an, Joachim Löw würde Immobilien verkaufen. Er wirkt integer, trägt edlen Zwirn, hat einige Erfolge vorzuweisen, seine Referenzen lesen sich bis auf kleine Ausreißer prima. Wenn dieser Mann jetzt versuchen würde, eine 150 Jahre alte Holzhütte am, sagen wir, Eyjafjallajökull für 3,7 Millionen Euro zu verkaufen – sie sollten zuschlagen. Vertrauen Sie diesem Mann. Unter allen Umständen.

Warum? Weil es sich bisher genau umgekehrt verhielt. Irgendwie war uns dieser Mann aus dem Schwarzwald zwar stets als Erfolgstrainer bekannt, aber sobald es an Aufstellung und Taktik geht, vertrauen wir lieber unserem inneren Bundestrainer als dem Mann, der in seiner Zeit bei der A-Mannschaft – und das sind 10 Jahre – bei jedem Turnier mindestens das Halbfinale erreicht hat.

Vor dem EM-Viertelfinale gegen den [Wort entfällt aus aktuellen Gründen] Italien schossen die Spekulation ins sprichwörtliche Kraut. Ah, Geheimtraining, was macht er nur! Der Tenor vielfach: Bitte, lieber Herr Löw, nicht wieder so eine Finte wie beim vergangenen Turnier. Gerade wir Journalisten, ich mittendrin, orakelten stichhaltig vor uns hin. Gomez? Braucht er als Anspielstation. Vielleicht Draxler raus, der war ja defensiv etwas anfällig? Schweinsteiger beginnt doch diesmal ganz sicher! Auf zwei Dinge hätten bis unmittelbar vor der Partie aber nur wenige getippt: Eine Dreierkette in der Abwehr und Benedikt Höwedes darin. Gut, Oliver Kahn hatte einen richtigen Riecher, aber ein Titan hat eben nicht nur Eier, sondern auch gute Quellen. Dafür weiß ich, wo Löw auf dem Freiburger Wochenmarkt einkaufen geht. Nennen wir es Remis.

Man sollte es zum Mantra erheben: Der Bundestrainer weiß, was er tut. Vielleicht als kleine samstägliche Andacht vor der Sportschau. Diese Weisheit gilt für die sogenannten Freundschaftsspiele, die Löw als willkommene und seltene Gelegenheiten sieht, mal was Fetziges auszuprobieren. Eine flotte Dreierkette etwa. Das ging zuletzt, und da wird das Bild richtig schön, ordentlich in die Hose. Auch das Experiment mit dem weltmeisterlichen Außenverteidiger Höwedes als archaische Spaßbremse galt zugunsten des spielerischen Upgrades Joshua Kimmich als vorerst beendet. Ja, Draxler raus, wäre in Ordnung, aber nicht, um dafür einen zusätzlichen Abwehrspieler zu bringen. Auch ich habe stante pede meinen 2:0-Tipp einkassiert und auf diverse abergläubische Rituale umgesattelt.

Doch der Erfolg gibt Löw Recht. Und das nicht nur in diesem einen Spiel, das gilt für eine ganz beachtliche Zahl von Spielen. Es mag Mehmet Scholl die Zornesröte ins Gesicht treiben, wenn Löw sich Anregungen von seinem Chefscout Siegenthaler holt und sein Winning Team umbaut. Da hat der Europameister von 1996 auch ganz gute Argumente, denn eine Weltmeistermannschaft sollte tatsächlich ihren Stiefel spielen (gerade gegen Italien).

„Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen. Ich weiß nicht, ob es nur Siegenthaler ist, aber Jogi Löw wacht nicht nachts auf und sagt: 'Jetzt hab ich's: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette'. Das hätte man heute auch anders lösen können“, meinte Scholl.

Seite 1:

Jogi Löw mag einfach Überraschungen

Seite 2:

„So gewinnt man Titel“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%