Zurück im Stade de France
Deutschland gegen Polen – das Spiel mit der Angst

Die DFB-Elf ist zurück im Stade de France, dem Ort, an dem sie die Terrornacht von Paris verbrachte. „Wir fühlen uns sicher“, betonen die Spieler. Doch es ist schwer vorstellbar, dass sie die Anschläge ausblenden können.

ParisAm Abend vor dem Spiel gegen Polen zeigt sich im Stade de France, dem Nationalstadion Frankreichs, nach schweren Regenfällen sogar die Sonne. Beste Trainingsbedingungen für die deutsche Nationalmannschaft, die hier, im Pariser Banlieue St. Denis, die Bälle kreisen lässt. Es ist eine kleine Aufwärmübung für die Medien, 15 Minuten lang ist das Stadion für Zuschauer geöffnet, dann geht es, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ans Eingemachte.

Etwa eine Stunde lang scheucht Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler über den Rasen, dann geht es in die Katakomben des Stadions. Eben jene Räume, in denen die DFB-Auswahl weite Teile der Nacht vom 13. auf den 14. November verbrachte, in Sicherheit gebracht vor den Terroranschlägen auf das Spiel. Es ist die erste Rückkehr der Mannschaft an den Ort, der Teil einer ganzen Anschlagsserie war.

„Natürlich macht man sich auf dem Weg zum Stadion den ein oder anderen Gedanken“, sagt Löw bei der abschließenden Pressekonferenz. Ein Thema seien die Ereignisse in der Mannschaft hingegen nicht mehr. „Es ist nicht nötig, den Sicherheitsaspekt zu diskutieren“, moderiert der Trainer die Frage aus der Runde schnell ab.

Sami Khedira sieht sich wenig später der gleichen Frage gegenüber. „Das Thema hat jeder für sich verarbeitet“, sagt er. Persönlich bedroht habe sich damals niemand gefühlt. „Wir müssen vielmehr in Gedanken bei den Familien der Opfer sein“, hält der Mittelfeldspieler am Ende fest. Sein Mitspieler Jerome Boateng äußerte sich tags zuvor ähnlich. „Wir fühlen uns sicher“, sagte er, noch in Evian, auf die gleiche Frage.

Fast wortgleich äußerte sich Shkrodan Mustafi. Es ist die Einheitlichkeit der Erklärungen, die die Frage aufwirft, ob auf dem Podest der Uefa, vor Dutzenden Journalisten und dem eigenen Medienteam im Rücken, die ungefilterte Meinung ausgesprochen wird.

„Für mich war diese Nacht im Stadion einer der schwierigsten Momente meiner Karriere, die schlimmste Erfahrung meines Lebens“, sagte etwa Boateng noch vor gut einem Monat dem Magazin der Deutschen Bahn. Schwer vorstellbar, dass so etwas bei der Rückkehr an einen Ort wie das Stade de France wirklich auszublenden ist.

Tatsächlich lässt sich das Sicherheitsgefühl und damit auch das Spannungsfeld zwischen damals und heute gut nachvollziehen. Als Journalist passiert man selbst am Tag der Pressekonferenz eine flughafenreife Sicherheitsschleuse. Die Tasche wird durchleuchtet, das Notebook muss aufgeklappt und angeschaltet werden. Alle Eingänge sind hermetisch abgeriegelt, überall stehen Ordner oder Polizisten. Man fühlt sich sicher, ja. Und doch weiß man ganz genau, warum der Großraum Paris sich bei diesem Turnier mit rund 100.000 Polizisten schützt.

Ein Freund ist schon am Montag im Stadion, bei der Partie Irland gegen Schweden. Er beschreibt die Lautstärke der Fans, und dass man nicht einmal die startenden Flugzeuge vom nahen Airport Charles de Gaulle hört. „Stell Dir mal vor, wie laut die Explosionen gewesen sein müssen, damit man sie im Fernseher hört“, sagt er.

Es ruft Erinnerungen wach, an diesen 13. November. Einer dieser Tage, von denen man immer noch genau weiß, wo man war. In Berlin, Freunde besuchen, auf dem Weg von einer Wohnung zur anderen. Um dann in ernste, fragende Gesichter zu blicken. Und das Ausmaß dessen, was gerade geschieht, erst nach und nach zu begreifen. Und es am nächsten Tag zu versuchen, in Worte zu fassen, während vor der Berliner Redaktion Mannschaftswagen der Polizei aufziehen.

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