Anstoß - Die WM-Kolumne
Mit Zug zum Tor

WM-Spielort zu sein hat seine Vorzüge. So wurde in Mönchengladbach pünktlich zur Frauen-WM endlich der dringend sanierungsbedürftige Hauptbahnhof umgebaut. Zeit für einen Dank an DFB und Fifa.
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Der gemeine Rheinländer ist mitunter für seinen ausgeprägten Lokalpatriotismus bekannt. Machen Sie doch einmal den Selbstversuch: Ganz egal, ob Sie einen Düsseldorfer, einen Kölner, einen Krefelder, einen Neusser, ja, sogar einen Duisburger fragen, er wird Ihnen bestimmt versichern, dass seine Stadt die schönste am Rhein ist. In ihr wird mit Sicherheit das beste Bier gebraut und das wohlklingendste Platt gesprochen.

Auch ich als Mönchengladbacher entpuppe mich nicht gerade als Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich liebe diese Stadt einfach, auch wenn diese Verbundenheit recht irrational erscheinen mag - zumal mir eine Begründung tatsächlich schwer fällt. Im deutschlandweiten Vergleich städtebaulicher Perlen würde meine Heimat mit Sicherheit keinen Blumentopf gewinnen und auch der dort ansässige Fußballverein, der im Übrigen sehr ambitioniert seine Frauen-Fußballabteilung vorantreibt, sorgte bei mir in der Vergangenheit eher für ein ruiniertes Nervenkostüm als für ausgeprägte Jubelarien.

Besonders der Hauptbahnhof, von der Kommunalpolitik erstaunlicherweise frei von jeder Ironie als "Tor zur Stadt" bezeichnet, gab in der Vergangenheit ein immer trister werdendes Bild des Verfalls ab. Mir als Pendler zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach wurde der Kontrast natürlich fast täglich vor Augen geführt. Während der Düsseldorfer Hauptbahnhof in den vergangenen 15 Jahren gefühlte zehn Mal umgebaut und modernisiert wurde, wurden in Mönchengladbach dringend benötigte Maßnahmen über Jahre hinweg immer wieder aufgeschoben.

Bis heute. Pünktlich zur Frauen-WM wurde die zweite Phase eines dreistufigen Sanierungsplans abgeschlossen, der seit 2009 umgesetzt wird. Seit Mitte Juni erstrahlt der Eingangsbereich des Hauptbahnhofes nun im schon nicht mehr für möglich gehaltenen neuen Glanz. Bis 2012 sollen die umfangreichen Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein.

Zeit, sich als Pendler auch einmal beim WM-Organisationskomitee des DFB und der Fifa zu bedanken. Dafür, dass es nach Jahren endlich wieder öffentliche Toiletten und einen vernünftigen Kaffee am Bahnhof zu kaufen gibt. Dafür, dass man beim Stöbern im dort ansässigen Buch- und Zeitschriftenhandel nicht mehr panische Angst um die Gesundheit seiner Zehen haben muss, sobald sich mehr als zwei Kunden gleichzeitig im Laden aufhalten.

Wer weiß, wie lange man noch auf diese Vorzüge hätte verzichten müssen, wäre Mönchengladbach nicht – wie 2006 – in den erlauchten Kreis der WM-Spielorte gewählt worden? Fraglich, ob die sechs Millionen Euro, die für den Umbau veranschalgt wurden, zusammengekommen wären.

Doch auch hier hätte der geduldige und leidgeprüfte Mönchengladbacher die passende Antwort parat: "Mr venk öt Jäld net opp de Stroo't" ("Das Geld liegt nicht auf der Straße"). Der Rheinländer ist halt unumstößlich.

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