Anstoß - Die WM-Kolumne
Raus aus dem Schatten der Männer – oder weiter hinein?

Die WM 2011 bietet dem Frauenfußball eine einmalige Chance zur Popularitätssteigerung. Doch haben die Spiele in der Breite überhaupt die nötige Qualität dazu?
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Eigentlich soll ein mediales Spektakel werden, unvergesslich und nachhaltig. Am Sonntag wird in Berlin die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen mit der Begegnung Deutschland gegen Kanada offiziell eröffnet. Das Olympiastadion ist ausverkauft, rund 73.000 Fans werden erwartet – das ist Europarekord. Und schließlich gehört die deutsche Nationalmannschaft erneut zum engsten Favoritenkreis des Turniers. Die Spiele des Titelverteidigers sind aber nicht die einzigen, die in den kommenden drei Wochen live im Fernsehen übertragen werden. ARD und ZDF zeigen alle 32 Begegnungen in voller Länge, zum Teil zur besten Sendezeit. Das Finale verdrängt in der ARD sogar den „Tatort“. Doch ob sich ein Sommermärchen wie das von der Männer-WM 2006 so einfach wiederholen lässt, ist mehr als fraglich.

Der Deutsche Fußball-Bund will spätestens in diesem Sommer den Frauenfußball endlich rausholen aus seiner Nische, publikumstauglich und den breiten Massen zugänglich machen. Und er nutzt dafür kräftig die Medien. Doch tut sich der DFB damit wirklich einen Gefallen? Der Sport steckt außerhalb Deutschlands, den USA, Schweden und Brasilien noch vielerorts in den Kinderschuhen – und das wirkt sich auf die Qualität der Spiele aus. Die Gefahr des Turniers ist doch, dass der Frauenfußball, der den Zeitungen in weiten Teilen der Welt noch nicht einmal eine Randnotiz wert ist, sein Versprechen nicht halten kann. Eine Weltmeisterschaft, die Lust machen soll auf mehr, muss zumindest den Eindruck erwecken, dass die sportliche Qualität durchweg stimmt. Doch einige Vorrundenspiele werden wohl kaum besser sein als ein gewöhnliches Bundesliga-Spiel. Zu dem kommen derzeit im Schnitt 1000 Zuschauer, das Fernsehen ist nur in Ausnahmefällen überhaupt präsent.

Schadet am Ende das, was zu Beginn gut gemeint war, der Entwicklung des Sports? Dass der Frauenfußball, immerhin der in Deutschland mit am schnellsten wachsende Mannschaftssport, die Medien braucht, um sich künftig auf noch professionellere Beine stellen zu können, ist klar. Und auch die Tatsache, dass die Endrunden-Spiele live gezeigt werden, ist verständlich. Doch was spricht gegen eine gute Zusammenfassung eines Vorrundenspiels? Viele Tore, ein paar spannende Szenen, und das Spiel zwischen zwei Nationalmannschaften, deren Akteure ohnehin kaum jemand kennt, wäre in den Augen der bislang nicht interessierten Zuschauer ein gutes. Vielleicht wäre dies die deutlich bessere Werbung für den Frauenfußball, anstatt sämtliche Spiele über mindestens 90 Minuten zu übertragen.

Fragt man den DFB, der bei dem Turnier keine Einnahmen durch die Fernsehgelder haben wird, dann ist dem Verband die Gefahr zwar bewusst. Er geht das Risiko aber ein. Alle teilnehmenden Mannschaften sollen bei diesem Turnier die Chance bekommen, sich zu präsentieren, so lautet die Antwort des DFB.

Den deutschen Nationalspielerinnen kommt die mediale Präsenz in den nächsten Wochen gerade Recht. Viele von ihnen haben sich zur Vorbereitung auf die WM ein Jahr Pause von Studium und Job gegönnt, doch sie alle wissen, dass sie allein von den Einkünften aus ihrem Sport nicht leben können. Von den Bundesligaspielerinnen, die in ihrer Karriere kein einziges Mal das Nationaltrikot tragen dürfen, ganz zu schweigen. Dabei gilt die Liga als die stärkste der Welt.

Dem Organisationskomitee unter der Führung von Steffi Jones ist der Erfolg bei dem Turnier zu wünschen: Dafür kämpft die frühere Fußballerin seit Monaten unverdrossen. Aber die mediale Begleitung ist eher gut gemeint als wirklich durchdacht.

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