Frauenfußball-Weltmeister Japan
Der Stoff, aus dem Legenden sind

Leidenschaft, Kampf, Drama und Tränen: Das Finale der Frauen-WM bot Stoff für Hollywood-Märchen. Am Ende triumphierte das japanische Kollektiv über die favorisierten US-Spielerinnen.
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Näher können Glück und Enttäuschung nicht beieinander liegen. Als am späten Abend im Frankfurter WM-Stadion die US-Fußballnationalmannschaft der Frauen mit der Fassung kämpfend im Mittelkreis saß, wurde um sie herum bereits die Bühne für die Siegerehrung aufgebaut. Zuvor hatten weder 90 Minuten reguläre Spielzeit noch 30 Minuten Verlängerung gereicht, um im Duell zwischen den Amerikanerinnen und Japan den neuen Weltmeister bestimmen zu können. Das konnte erst das Elfmeterschießen. Das Finale von Frankfurt – ein Spiel, das an Dramatik, Heldengeschichten und emotionaler Bedeutungsaufladung kaum zu überbieten war.

„Es bricht mir das Herz“, erklärte US-Stürmerstar Abby Wambach nach dem Spiel. Natürlich nicht nur ihr, aber Wambach spielte eine besondere Rolle in der Partie, an der Hollywood seine Freude gehabt hätte – wären die USA nicht als Verlierer vom Platz gegangen. „Es hat sich auf dem Platz nicht real angefühlt“, berichtete Torhüterin Hope Solo. Eine ähnliche Wahrnehmung überkam auch die Gegenseite: „Das ist alles so viel auf einmal, es wirkt alles gar nicht real“, gab Japans Spielführerin Homare Sawa zu Protokoll. Es waren diese drei Protagonisten, denen besondere Rollen im Drama um die Krone des Fußballs zuteilwurden.

Schon im Vorfeld ging das Endspiel mit einer Erwartungshaltung an der Grenze des Erträglichen schwanger. Auf der einen Seite Japan, der Außenseiter, die, die niemand auf der Rechnung hatte. Angeführt von Sawa, mit ihren 33 Jahren seit 18 Jahren Nationalspielerin, getragen vom Bewusstsein um die Erdbebenkatastrophe im eigenen Land. „Wenn unsere Kräfte zu versagen drohen, denken wir an den Kampf unserer Landsleute in den Erdbebengebieten, an die furchtbaren Bilder der Zerstörung und daran, wie dort niemand aufgibt“, hatte Trainer Norio Sasaki schon nach dem Viertelfinalsieg gegen Deutschland gesagt – mit dem Zusatz, dass die Bedeutung des Unglücks für das japanische Spiel außen vor bleiben solle. „Wir haben viel Kraft von unseren Landsleuten in Japan bekommen“, sagte er dann nach dem Finale. Spätestens seit dem Halbfinale traten die „Prachtnelken“ auch für Wiedergutmachung an, für Wille, Kampfgeist und Hoffnung auf Besserung.

Hoffnung. Hope. Die gab es auch auf der Gegenseite. Mit Nachnamen: Solo. Während die Japaner sich verbissen darum bemühten, die Kraft des Kollektivs in den Vordergrund zu stellen, lieben die USA ihre Stars. Die Torhüterin ist eine dieser herausragenden Erscheinungen. Eigener Kopf, erfolgreich, dazu eine Schönheit – wieder lässt Hollywood grüßen. An ihrer Seite strahlte Abby Wambach, eine der erfolgreichsten Stürmerinnen aller Zeiten. Ihre Tugenden: Harte Arbeit, Bescheidenheit und sie gibt niemals auf. Hätten die USA gewonnen, wären sie alleiniger Rekordweltmeister gewesen.

Die japanische Mannschaft spielte im Kollektiv gegen ein kollektives Trauma, die US-Damen mit dem Selbstverständnis einer Weltmacht um den amerikanischen Traum.

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