Jubel in Tokio
Japan sagt „Arigato“

Der WM-Sieg der Fußballfrauen kühlt vorübergehend die Schmerzen des von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophen gebeutelten Japan. Das perfekte Erbauungserlebnis hat nur einen Schönheitsfehler: Die Zeitverschiebung.
  • 0

TokioWie ein Strahl eiskalten Wassers ergießt sich dieser Sieg auf die Brandwunden des Landes. Der Sieg der Fußballfrauen-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Deutschland am Sonntag kühlt vorübergehend die Schmerzen des von Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe gebeutelten Inselstaats. Und so mischen sich seit heute morgen in Japan Freudentränen in die Trauer über die anhaltende Krise, so wie jene Tränen von Fumio Miyama, Vater der Torschützin und Matchwinnerin Aya Miyama, der – von seinen Freuden umjubelt und in die Luft geworfen – gleich an die Kraft des Kollektiv dachte. „Alle haben alles gegeben. Ich möchte allen Arigato (Danke) sagen. “

Es ist das perfekte Erbauungserlebnis, das lediglich einen Schönheitsfehler hat: die Zeitverschiebung. Während die heimischen Zeitungen am morgen noch ihre Titelseiten mit dem sich immer mehr ausweitenden Skandal um radioaktives Fleisch aus Fukushima aufmachten, dass trotz Kontrollen in ganz Japan verkauft und gegessen wurde, waren auf dem Handy schon die ersten Glückwunsch-Kurzmitteilungen aus Deutschland eingegangen. „5 zu 3“, stand dort, nur mit einem Ausrufezeichen versehen, oder aber, „wir freuen uns für die Mädels aus Japan.“ Die ganze Welt wird diesen Sieg den Japanerinnen gegönnt haben.

Die elektronischen Medien und das Fernsehen haben bereits umgeschaltet. Nachdem die WM bis zum Halbfinale medial noch weitgehend ignoriert wurde, hat selbst die Homepage der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ die Damenmannschaft nun zur Top-Meldung gemacht und spricht von einem „Märchen.“ Und der öffentlich-rechtliche Sender NHK bringt die Bilder der jubelnden Frauen mittlerweile als erste Nachricht. In ständiger Wiederholung werden die Höhepunkte des Spiels gezeigt.

Immer und immer wieder werden die Japaner sie nun zu sehen bekommen, bald wird im Land der Jubel lauter und lauter werden. Wohl auch deshalb, weil der Sieg fast wie nach Drehbuch dramatisch ausfiel und das zeigte, was Japan stark gemacht hat und den Japaner viel wert ist: Kampfgeist und Selbstaufgabe. Zweimal machten die Frauen einen Rückstand gegen die USA wett, um dann im Elfmeterschießen zu obsiegen. „Ich kann es kaum glauben, wir haben bis zum Schluss gekämpft“, sagte der Star der Mannschaft Homare Sawa, die mit dem Titel und zugleich auch der Auszeichnung als bester Spielerin der WM ihre beeindruckende Karriere krönt.

Nach dem Abpfiff gingen in Tokio, recht unjapanisch, die Menschen zum ausgelassenen Feiern auf die Straße, trotz der nachtschlafenden Zeit waren die Kneipen und Restaurants voll mit mitfiebernden Fußballfans. Viele trugen Trikots der Spielerinnen, die vor dem Finale ausverkauft waren.

Und so wird der heutige Tag, der gerade erst beginnt und zufällig ein staatlicher Feiertag in Japan ist, den Japanern einen echten Grund zum feiern liefern. Sie sollten ihn auskosten – die harten Tage sind noch lange nicht vorbei.

Kommentare zu " Jubel in Tokio: Japan sagt „Arigato“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%