Abwehr bleibt das Sorgenkind
System mit zu vielen Varianten

Beim Spiel gegen Japan stößt Klinsmanns Projekt an seine natürlichen Grenzen. Der Bundestrainer verlangt von seiner Mannschaft, dass sie verschiedene Varianten beherrscht, inzwischen aber hat er so viele Varianten ausprobiert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich das Stammsystem ist.

HB LEVERKUSEN. Sage niemand, die Zusammenarbeit zwischen Michael Ballack und Tim Borowski sei wenig ertragreich. Die erste Torchance im Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Japan entsprang einer überraschenden Kombination der beiden Mittelfeldspieler. Ballack hatte an der Mittellinie einen Freistoß ausgeführt, Borowski sprintete dazwischen, obwohl eigentlich Marcell Jansen das Ziel des Zuspiels gewesen war, verlor die Kontrolle über den Ball, und am Ende einer Fehlerkette musste dann Torhüter Jens Lehmann gegen den Japaner Hidetoshi Nakata retten. "Es hat an der Feinabstimmung gefehlt", sagte Joachim Löw, der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, nach dem 2:2 (0:0) gegen Japan.

Das ist keine besonders erfreuliche Erkenntnis am Tag neun vor dem ersten WM-Spiel der Deutschen gegen Costa Rica. Um das Zusammenspiel aller Mannschaftsteile zu verfeinern, bleibt Klinsmann jetzt nur noch die Begegnung gegen Kolumbien am Freitag in Mönchengladbach. "Wichtig ist, dass wir dann mit derselben Formation spielen wie im Eröffnungsspiel", sagt Kapitän Michael Ballack. Doch das sieht der Bundestrainer offensichtlich anders: "Da wird weiter getestet, sonst wäre es kein Testspiel."

Klinsmann verlangt von seiner Mannschaft, dass sie verschiedene Varianten beherrscht, inzwischen aber hat er so viele Varianten ausprobiert, dass niemand mehr weiß, was eigentlich das Stammsystem ist. Allein im 4-4-2 gibt es drei verschiedene Versionen fürs Mittelfeld: als zweite Viererkette, als Raute und als Quadrat, mit je zwei defensiven und offensiven Leuten. Gegen Japan führte Klinsmann eine vierte Variante ein. Vor den beiden zentralen Defensivspielern Borowski und Frings besetzten Schweinsteiger (links) und Ballack (rechts) die Halbpositionen.



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Vorgesehen war, dass die Mittelfeldspieler ihre Positionen häufig wechseln, bei Ballbesitz sollten sich Frings und Borowski "in die Raute rein verschieben", erklärte Löw, stattdessen hielten sie fast durchgängig Körperkontakt. "Die Variante mit den zwei Defensiven vor der Abwehr ist nicht aufgegangen", sagte Michael Ballack. Im Gegenteil: Die Probleme der Defensive hatten ihren Ursprung vor allem im Mittelfeld. Klinsmann bemängelte "das späte Reagieren nach Ballverlust: Weil wir nicht nah genug am Gegner waren, konnten wir den entscheidenden Pass nicht unterbinden".

Im 26. Spiel seiner Amtszeit bot der Bundestrainer die 23. verschiedene Viererkette auf. So wie Klinsmann und Löw die Abwehrformation verstehen, "ist der Mitspieler wichtiger ist als der Gegenspieler", sagt Christoph Metzelder. Am eigenen Mann muss er sich orientieren, nicht dem Gegner über den halben Platz hinterherhetzen. Doch woran sollen sich die Verteidiger gewöhnen, wenn sie nicht nur immer neue Nebenleute haben, sondern auch hinter immer wechselnden Personen in wechselnden Formationen spielen?

Das von Klinsmann erdachte System erfordert einen hohen Grad an Organisiertheit, und gerade im Vergleich mit den Japanern wurden die organisatorischen Defizite offenkundig. Der Asienmeister spielte so, wie der Bundestrainer es von seiner Mannschaft erwartet: entschlossen im Umschalten, mit wenigen Ballkontakten pro Person und immer den Pass in die Spitze suchend. Das System ist perfekt automatisiert, den Deutschen hingegen ist das Bemühen jederzeit anzumerken. Sie müssen erst über den Kopf abrufen, was die Japaner intuitiv beherrschen.

Langfristig wird den Deutschen nichts anderes übrig bleiben, als den Anschluss an die Moderne herzustellen. Doch das Spiel in Leverkusen hat gezeigt, dass Klinsmanns Projekt erst einmal an seine Grenzen gestoßen ist.

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