Angela Merkel lässt sich keine Partie entgehen
Die Fußballkanzlerin

Man kennt sie als kühle Staatsfrau, die nur selten Emotionen zeigt. Man kennt sie als seriöse Regierungschefin, die bei Chirac, Putin und Bush die deutschen Interessen vertritt. Doch in diesen Tagen zeigt Angela Merkel völlig ungeniert ihr zweites Gesicht.

HB BERLIN. Die Nation ist im WM-Taumel und die Kanzlerin reiht sich ein. Wie bei den ersten beiden Spielen der deutschen Nationalmannschaft feierte Angela Merkel auch am Dienstag auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions den Erfolg über Ecuador begeistert mit. Ganz Fan. Solche Emotionen zeigt sie selten. Ein Randaspekt dieses Fußballfestes - aber doch irgendwie bezeichnend für positiven Schwingungen, in denen sich Deutschland in diesen Tagen befindet.

Hat man Angela Merkel schon einmal so erlebt - wie sie vom Stadion-Sitz aufspringt, gebannt verharrt und aufschreit, als endlich das vermeintlich erlösende Tor gegen Polen fällt, auch wenn es wegen Abseits nicht gegeben wird? Oder dass sie wie gegen Ecuador spontan das 3. Tor beklatscht - weit enthusiastischer als ihr Dauersitznachbar bei den deutschen Spielen, DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Das alles passt doch nicht zu dem Bild, das sie bisher als Regierungschefin abgab, werden sich viele sagen. Freundlich, aber doch als jemand, der sich nicht so in Szene setzen will wie der Vorgänger. Als seriöse erste leitende Angestellte wollte sie sich darstellen - ein weiblicher Helmut Schmidt.

Der kühle Hanseat Schmidt hielt nie viel von Fußball. Jedenfalls ließ er sich zu Amtszeiten selten auf Tribünen blicken. Und auch Merkel, die ebenso nüchterne Analytikerin, schien über lange Jahre ein eher distanziertes Verhältnis zum Spiel um den Ball zu haben. Als sie zu Beginn der WM ankündigte, alle WM-Spiele der Deutschen verfolgen zu wollen, klang das eher nach Pflichtbewusstsein als nach Begeisterung.

Nun werden ihre Emotionen schon als symbolisch für die Gefühlswelle im ganzen Land angesehen. Selbst der Kapitän der Nationalmannschaft, Michael Ballack, ist überrascht: "Wenn man jetzt sieht, wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel sich mitgefreut hat, ist das doch schön", merkte er am Montag an. "Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal öffentlich so aus sich herausgegangen ist wie nach dem Tor gegen Polen."

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