Anstoß – die Bundesliga-Kolumne
Di Matteos Kulturwandel tut Schalke gut

Schalke spielt aktuell nicht unbedingt den attraktivsten Fußball der Liga, doch dafür mit den erfolgreichsten. Di Matteos Mauertaktik wäre früher zerrissen worden, nun wird dem Trainer vertraut. Ein Kulturwandel.
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DüsseldorfDrei Spiele, sieben Punkte, Platz drei. Das Jahr 2015 könnte kaum besser laufen für den FC Schalke 04. Dabei überrascht vor allem die Art und Weise, wie die Knappen ihre Punkte einfahren: Coach Roberto Di Matteo hat der Mannschaft seine Mauer-Taktik in die DNA geschrieben.

Seit der Rückrunde spielen die Schalker mit gleich drei Innenverteidigern: Neuzugang Matija Nastasic, Joel Matip und Kapitän Benedikt Höwedes. Allesamt groß gewachsen, echte Schränke. Dazu spielen die Knappen nun in einem 5-3-2-System, alles ist auf eine stabile Defensive ausgelegt. Dem Gegner wird oft gerne der Ball überlassen, erst im letzten Drittel schnappt das Pressing der Königsblauen blitzartig zu. Das bekam am Freitag auch Mönchengladbach zu spüren. Die hatten zwischenzeitlich 80 Prozent Ballbesitz (!), Kapital konnten die Fohlen allerdings nicht daraus schlagen. Schalke gewann mit 1:0, wie schon im ersten Heimspiel gegen Hannover.

In der Hinrunde wurde Di Matteos Mauertaktik noch oft kritisiert. Ansehnlich ist das Schalker Spiel auch weiterhin nicht, doch nun gibt ihm der Erfolg recht. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten selbst Siege die Kritiker auf Schalke nicht ruhig gestellt. Vorgänger Jens Keller konnte Punkte sammeln wie er wollte, die Kritik an ihm und seiner Spielanlage ebbte nie ab.

Danach wurde nach alter Schalker Tradition ein Trainer mit „großen Namen“ gesucht, mit Di Matteo wurde man fündig. Dabei ist der eher ein Senkrechtstarter. Nach einer eher unspektakulären ersten Trainerstation im Jahr 2008 beim englischen Drittligisten Milton Keynes Dons kam er zum damaligen Zweitligisten West Bromwich Albion. Die „Baggies“ führte Di Matteo direkt in seiner ersten Saison zurück in die Premier League, wo er jedoch in der Folgesaison, im Februar 2011, schon wieder entlassen wurde.

Nachdem sich Di Matteo erfolglos als Cheftrainer bei Birmingham City bewarb, wurde er Im Sommer 2011 unter André Villas-Boas Co-Trainer beim FC Chelsea. Für die Blues war der in Schaffhausen in der Schweiz geborene Italiener zuvor schon sechs Jahre als Spieler aktiv. Nachdem Villas-Boas im März 2012 vom Hof gejagt wurde, durfte Di Matteo Chelsea für den Rest der Saison übernehmen – und führte die Blues völlig überraschend zum Gewinn der Champions League. Damals gewann man im Finale in München, gegen München.

Schon damals ließ Di Matteo einen, mit Verlaub, grausamen Fußball spielen. Am Ende war Chelsea wohl einer der unbeliebtesten Champions-League-Sieger der Geschichte. Im Kopf bleiben vor allem die Halbfinal-Spiele gegen den FC Barcelona, die kaum anzusehen waren.

Mit einem ähnlichen Stil lässt Di Matteo nun auch seine Schalker spielen, mit dem Unterschied, dass er nun nur noch Lob dafür bekommt. Denn zu der taktischen Geschlossenheit gesellen sich mit Einsatzbereitschaft und Zusammenhalt Attitüden, die im Ruhrgebiet gerne gesehen werden. Damit hat Schalke nun den direkten Champions-League-Platz drei erobert. Viel wird Di Matteo kaum an seinem System ändern, und so lange das Umfeld ruhig bleibt und die fußballerische Magerkost akzeptiert, könnte Schalke eine große Saison spielen.

So findet aktuell auf Schalke so etwas wie ein Kulturwandel statt. Fans und Verantwortliche schenken dem Trainer ihr Vertrauen, traditionelle Nebenkriegsschauplätze werden erst mal nicht bedient. Das gab es seit Ewigkeiten nicht mehr.

Marcel Reich
Marcel Reich
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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