Anstoß – die Bundesliga-Kolumne
Großzügige Schwaben auf Abwegen

Der VfB Stuttgart stolpert durch die Niederlage in Bremen weiter in Richtung Tabellenende. Der Verein hat sich vor lauter Baustellen verfahren – und der Trainer kann offensichtliche Probleme nicht abstellen.
  • 0

DüsseldorfDer gemeine Schwabe ist ja eher dafür bekannt, ein sparsamer Zeitgenosse zu sein. Einer, der nicht so gerne abgibt. In der Bundesliga zeichnet sich allerdings ein anderes Bild. Hier verteilen die Stuttgarter großzügig Geschenke – in Form von Toren. Woche für Woche. Die nackten Zahlen: 25 Gegentore nach elf Spieltagen, 2,27 Gegentreffer pro Spiel. Damit stellt der VfB die schwächste Defensive der Liga.

Dass der Stuttgarter Fußballverein die landestypischen Klischees nicht bedient, ist nichts Neues. Vielmehr ist es die unfreiwillige Fortsetzung der vergangenen, verkorksten Saison, an deren Ende 62 Gegentore und beinahe der Abstieg standen.

Dabei sollte es im anspruchsvollen Ländle doch endlich wieder bergauf gehen. Mit Armin Veh, dem Stuttgarter Meistertrainer von 2007, zurückgekehrt aus Frankfurt. Und so schielten vor der Saison schon einige – die glitzernde Meisterschale im Hinterkopf – auf die internationalen Plätze. Das ist der Anspruch in Stuttgart.

Die Realität aber ist eine andere. Die Entwicklung des Vereins in seiner Abwesenheit habe ihn überrascht, sagte Veh kürzlich, „aber nicht positiv“. Für Neuzugänge blieb nach vielen Jahren europäischer Abstinenz wenig Geld, das obendrein oft noch falsch investiert wurde. Was bleibt, ist eine Mannschaft, die dem Anspruch schon lange nicht mehr gerecht werden kann.

Dazu strahlt nun mitunter sogar Veh die gleiche Ratlosigkeit aus wie seine Elf auf dem Platz. Nach dem fünften Spieltag machte der Fußballlehrer Sven Ulreich zum Sündenbock für den schlechten Saisonstart und verbannte den langjährigen Stammkeeper auf die Bank.

Anstatt frischem Wind weht seither allerdings höchstens ein Hauch von Aktionismus durchs schmucke Stadion. Dazu eine Brise Unsicherheit, die ausgerechnet von Thorsten Kirschbaum, der neuen Nummer eins im VfB-Tor, ausgeht. In sechs Spielen kassierte dieser bereits 16 Gegentore, einige Wackler inklusive.

Nein, es gab und gibt sicherlich größere Baustellen in Stuttgart als die zwischen den Pfosten. Etwa die Anfälligkeit nach Standardsituationen: In Bremen entschieden zwei Treffer nach Eckbällen das Spiel, insgesamt sind es nun schon neun Gegentore nach ruhenden Bällen.

Veh hat die Standards zwar als „Hauptproblem“ ausgemacht, ein Mittel dagegen sucht er bislang aber ganz offensichtlich vergebens. Die Spieler: hilflos. Die Umstellung von Mann- auf Raumdeckung: wirkungslos.

Genauso wie das muntere Wechseln in der Viererkette. Dass Veh nichts versucht, kann man ihm zwar nicht vorwerfen. Dass er zu viel versucht, dagegen schon. Einspielen kann sich das Team durch den regen Austausch jedenfalls kaum und stolpert auch im Spiel selbst von der einen Verlegenheit in die nächste.

Das „Topspiel der Kellerkinder“, wie Veh die Partie in Bremen vorher betitelte, galt bereits als richtungsweisend. Jetzt, nach dem Spiel, ist klar, dass der VfB die falsche Abbiegung genommen hat. Mal wieder.

Kommentare zu " Anstoß – die Bundesliga-Kolumne: Großzügige Schwaben auf Abwegen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%