Anstoss – die Bundesliga-Kolumne
Wider die Schalker Trainerdiskussion

Gerade einmal ein Bundesliga-Spiel ist absolviert, und schon soll auf Schalke wieder über den Trainer Jens Keller debattiert werden. Das ist nicht nur viel zu früh, sondern auch ermüdend. Ein Appell für mehr Müßiggang.
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Im grotesken Wetteifern um die erste Trainer-Freistellung der noch blutjungen Bundesliga-Spielzeit findet sich seit Samstag ein alter Bekannter auf der Kandidatenliste wieder. Er arbeitet, wenig überraschend, in Gelsenkirchen – aktuell bedingt erfolglos. Erst das ebenso frühe wie selbstredend peinliche Aus im DFB-Pokal in Dresden, dann das 1:2 in Hannover: Schalke hat den Saisonstart innerhalb von einer Woche verdamelt. Trainer Jens Keller stehe vor harten Wochen, sei unter Druck, heißt es bereits in mehreren Medien. Einige sehen „Schalke in der Krise“. Nach dem 1. Spieltag wohlgemerkt. Hossa, das geht aber schnell.

Schalke ist fehlgestartet, keine Frage. Doch nach nur zwei Pflichtspielen soll tatsächlich schon wieder alles schlecht sein? Die glänzende Rückrunde der vergangenen Saison mit 36 Punkten nur noch Schall und Rauch sein? Nein, das ist doch ein bisschen einfach.

Zugegeben, die Ansprüche auf Schalke sind andere. Und die königsblauen Anhänger hatten in Hannover mit einer Wiedergutmachung für das peinliche Pokal-Aus in Dresden gerechnet – das im Übrigen hochverdient war, weil die SG Dynamo richtig gut war. Doch so geht das Krisengeschwafel wieder los. Überraschend ist das eigentlich schon nicht mehr. Allein, der frühe Zeitpunkt ist dann doch mehr als grotesk.

Es ist immer wieder höchst interessant und mit Argwohn zu beobachten, was angesichts mancher Ergebnisse medial rund um den S04 passiert: Jens Keller, der passe doch eigentlich gar nicht zum Verein, wird dann immer wieder gerne angeführt. Und wie habe man überhaupt einen B-Jugend-Coach zum Profitrainer machen können?

Für den ach so Kritisierten, seit Dezember 2012 das Trainer-Oberhaupt, ist die fortwährende Diskussion Teil des Jobs (geworden). Seit er Chef der Profis auf Schalke ist, wird er kritisch beäugt. Das weiß auch Sportchef Horst Heldt und musste am Samstagabend einmal mehr sein Zutrauen in die Stärken des Trainers bekräftigen: „Wieso sollte ich die Trainerfrage im Keim ersticken, wenn es da nichts zu ersticken gibt. Die Trainerdiskussion lässt sich nicht vermeiden, findet aber bei uns nicht statt. Das muss man jetzt aushalten.“

Macht er auch, der Gescholtene. Wohltuend gelassen, wie eh und je. „Die Debatte wird ja ständig geführt. Ich habe hier letztes Jahr Großes geleistet. Es ist schon überraschend, dass die Kritik jetzt schon wieder so hart ist. Aber damit kann ich umgehen." Und Kapitän Benedikt Höwedes „werde den Teufel tun und jetzt den Trainer schlecht reden“. Vielmehr schimpfte der frustrierte Weltmeister über seine Mitspieler: „Wir haben vorne zu egoistisch gespielt und zu wenig mannschaftsdienlich. Das ist für mich unerklärlich.“

Quintessenz des Samstagnachmittags also: Tief durchatmen, gaaanz viel des häufig herangezogenen Tees trinken, schnellstens die sportlichen Defizite ausmerzen und Schluss mit dem Misstrauen in den Übungsleiter. Denn es wird nicht wirklich besser: Kommende Woche kommen die Bayern, anschließend geht’s nach Gladbach. Da könnten sich derartige Querelen kontraproduktiv auswirken.

Victor Fritzen
Victor Fritzen
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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