Ballack und Chelsea
Mehrteiler ohne absehbares Ende

Es hätte die Körnung seiner Karriere werden können: Mit großen Ambitionen wechselte Michael Ballack vor der letzten Saison zum damaligen englischen Meister Chelsea London. Nun sitzt Ballack seit Monaten verletzt auf der Tribüne – für seinen Verein offenbar Grund genug, ein Schmierentheater zu inszenieren.

KÖLN. Gute Mehrteiler leben davon, dass die Fortsetzung nicht schlechter ist als die erste Folge. Insofern steht die ein wenig tragisch anmutende Komödie um den Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in diesen Tagen für eine gewisse dramaturgische Qualität. Die Spannung bleibt erhalten, die Handlung führt an verschiedene Schauplätze wie London, Köln oder Bergisch-Gladbach. Und es tauchen immer neue Personen auf und ab.

Vor dem heutigen Testländerspiel gegen Rumänien bildete das Schloss Lerbach, ein feudales Hotel in der rheinischen Ortschaft Bergisch-Gladbach, die Kulisse für einen neuen Werbefilm des Sportartikelausrüsters Adidas, der gerade erst seinen Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) verlängert hat und nun das Trikot für die Europameisterschaft 2008 filmisch in Szene setzen ließ.

Neben den Auserwählten Podolski, Mertesacker, Kuranyi, Schneider und Kießling hätten DFB und Adidas gern auch Michael Ballack in einer Hauptrolle gesehen. Er wäre geradezu prädestiniert gewesen für den Auftritt, nicht zuletzt weil auch sein Klub Chelsea London sich von dem deutschen Unternehmen ausstatten lässt. Ballack ist derzeit verletzt und gerade Profis, die abseits des Alltagsgeschäfts arbeiten, werden gern eingespannt, wenn es darum geht, PR-Termine wahrzunehmen.

Doch der verhinderte Star des FC Chelsea fehlte in Bergisch-Gladbach.

Und schon ist das Publikum mitten im zweiten Teil des Dramas. Erst hatte der englische Spitzenklub aller Welt Rätsel aufgegeben, weil er Ballack nicht für die bis in den Dezember reichenden Gruppenspiele der Champions League nominierte. Ein paar Tage später wurde auch noch bekannt, dass der dreißig Jahre alte Stratege keine Freigabe für die Filmaufnahmen erhielt. Da wurde sogar Oliver Bierhoff böse. Der Manager der Nationalmannschaft verkörpert äußerlich den smarten Diplomaten, und er pflegt auch so zu reden. Aber das war ihm zu viel. Bierhoff sprach von einer Londoner „Unart“ und kündigte diplomatische Konsequenzen an. „Mich wundert, wie Chelsea vorgegangen ist. Wir werden unser Unverständnis zum Ausdruck bringen.“

Wäre der internationale Fußball genauso organisiert wie die Weltpolitik, hätte der DFB vermutlich den englischen Botschafter einbestellt. So aber blieb es bei öffentlicher Kritik, wie sie Bundestrainer Joachim Löw schon nach der Nichtberücksichtigung Ballacks für die Champions League artikuliert hatte. „So verfährt man nicht mit dem Kapitän der Nationalmannschaft“, sagte Bierhoff. „Es ist nicht in Ordnung, wie hier mit uns und auch mit unserem Partner Adidas umgegangen wird.“

Alle Interventionen des DFB blieben erfolglos – bis Ausrüster Adidas am Sonntagabend doch noch die Freigabe Ballacks erwirkte, mit gar nicht so sanftem Druck, wie zu vernehmen war. Wäre der diplomatische Durchbruch ein wenig früher erzielt worden, hätten die Regisseure das Drehbuch des Werbefilms vermutlich umgeschrieben, mit Handlungssträngen frisch aus der Wirklichkeit: Idyllisches Schlosshotel mit Nationalspielern und Trikot. Schnitt. Flughafen Heathrow: Ein aufgetankter Learjet wartet, die Flugsicherheit erteilt der privaten Sondermaschine die Starterlaubnis. So weit so realistisch. Aber es war zu spät – für Ballack wie für das Drehbuch: Der Star kommt nicht, das Flugzeug kann wieder in den Hangar rollen. Weder der Sponsor hat ihn rechtzeitig erreicht noch der DFB. Ballack war erst ein paar Stunden zuvor auf Geheiß seines Arbeitgebers aus dem Kölner DFB-Quartier zurück nach London geflogen, „weil er keinen Streit mit Chelsea provozieren wollte“, wie Oliver Bierhoff sagt.

Doch dieser Streit ist längst ausgebrochen, und momentan geht es nur noch um Deeskalation. „Ich stimme zu hundert Prozent mit Oliver Bierhoff überein. Wir werden uns überlegen, wie wir weiter vorgehen“, sagte der ebenfalls diplomatisch versierte Joachim Löw gestern. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich eine Mannschaft wie der FC Chelsea leisten kann, auf einen Spieler der Qualität von Michael Ballack zu verzichten.“ Er wolle schon am Tag nach dem Rumänien-Spiel das Gespräch mit seinem Londoner Kollegen José Mourinho suchen, der lange als Fürsprecher Ballacks galt, offenbar aber die Lust am deutschen Mittelfeldspieler verloren hat wie Kinder an einem Spielzeug.

Im Land des deutschen Gruppengegners Irland werden schon Wetten angeboten, welche Art des Mobbings Ballack in der näheren Zukunft über sich ergehen lassen müsse. „Wir können uns sehr gut vorstellen, dass José Mourinho ihm eine Interviewsperre erteilt oder ihn ob seiner vielen Reisen ein Fahrtenbuch führen lässt“, sagt der Sprecher eines börsennotierten Wettanbieters aus Dublin. Wahrscheinlicher sei derzeit aber, dass der Deutsche die Duschen der Spielerkabine reinigen müsse. Ist das der Komödie nächster Teil?

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