Bayern mit Aufbruchstimmung
Der gefühlte Sieg

Ein Schuss, ein Tor - und plötzlich ist beim nach wie vor kriselnden FC Bayern München wieder Land in Sicht. Der Last-Minute-Treffer von Mark van Bommel verkehrte die 2:3-Niederlage im Achtelfinal-Hinspiel bei Real Madrid in den Reihen des Rekordmeisters sogar in einen gefühlten Sieg.

dpa MADRID. Beim nächtlichen Champions-League-Bankett machte sich eine Aufbruchstimmung in den Reihen des deutschen Fußball-Rekordmeisters breit. „Das zweite Tor hat uns die Tür aufgemacht. Ich bin überzeugt, mit 70 000 Zuschauern im Rücken werden wir Real Madrid in zwei Wochen einen heißen Tanz liefern. Ich bin optimistisch, dass wir es packen“, verkündete Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Uli Hoeneß hätte - nachdem noch zur Halbzeit (1:3) ein Debakel drohte - im Hotel „The Westin Palace“ an Stelle edler Weiß- und Rotweine am liebsten „Schampus“ auffahren lassen. „Wir sollten nicht immer alles negativ sehen. Wenn wir zu unserer großen Zeit auswärts 1:2 verloren haben, haben wir anschließend Champagner getrunken, weil wir gesagt haben, das schaffen wir im Rückspiel“, erinnerte Hoeneß an die Europapokal-Triumphjahre von 1974 bis 1976. Die Statistik macht Mut: Sieben Siege und nur ein Unentschieden stehen in Bayerns Heim-Bilanz gegen Real.

Kurios, aber wahr: Ausgerechnet eine Niederlage - und schon die vierte (!) im sechsten Pflichtspiel 2007 - „kann der Wendepunkt sein“, wie Hoeneß hofft. „Diese Niederlage fühlt sich eher wie ein Sieg an“, sagte Kapitän Oliver Kahn. Die Moral, die belohnt worden sei, könne nun auch für die Bundesliga einen „Kick“ geben. „Jedes Spiel ist jetzt existenziell wichtig“, betonte Kahn. „Wir sind der moralische Gewinner“, ergänzte Torschütze van Bommel, der aber auch warnte: „Dieses Spiel gibt gar keine Garantie für die Zukunft.“

Zudem könnte die Partie für van Bommel noch ein Nachspiel haben. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) leitete eine Untersuchung wegen unsportlichen Verhaltens gegen den Niederländer ein. Dieser hatte nach seinem Anschlusstreffer so genannte „Fuck-you-Gesten“ vorgenommen, die bei den Madrilenen Empörung auslösten. Möglicherweise droht ihm sogar eine Sperre für das Rückspiel.

Doch der starke Schlussspurt, der mit der Hereinnahme des agilen Claudio Pizarro für einen wirkungslosen Lukas Podolski begann (61.), wirkte bei den Bayern als Mut- und Muntermacher. „Man hat beiden Mannschaften angesehen, dass sie schon bessere Tage gesehen haben“, bemerkte Rummenigge nach dem unterhaltsamen Krisengipfel. An den letzten 30 Minuten müsse man sich nun aufrichten, empfahl der Bayern-Chef und appellierte an Urinstinkte des Fußballs: „Fighten, Kämpfen, Beißen, Kratzen, um den Gegner niederzuringen. Daraus wird dann Selbstvertrauen, Sicherheit und Stabilität geholt.“

„Jetzt ist man wieder im Spiel, aber ich warne vor Euphorie: Ein Unentschieden zu Hause genügt nicht“, mahnte Franz Beckenbauer. Zur Halbzeit lag der national praktisch schon entthronte deutsche Meister nach den Real-Toren von Raul (10./28.) und Ruud van Nistelrooy (34.) und dem 1:1 des starken Lucio (23.) auch international in Trümmern. „So viele Fehler, wie wir in der ersten Halbzeit gemacht haben, macht man normalerweise in drei oder vier Spielen“, rügte Beckenbauer.

Ottmar Hitzfeld war entsetzt, als er zur Pause in der Kabine ein Team vorfand, das sich praktisch aufgegeben hatte. „Ich dachte, was ist denn hier los? Alle sitzen da und denken, die Champions League ist schon vorbei. Das kann doch nicht sein!“ Hinterher rühmten von Kahn bis Hoeneß alle die Art, wie Hitzfeld der Mannschaft wieder Mut eingeflößt hatte. „Wir haben Real niedergekämpft in der zweiten Halbzeit“, freute sich Hitzfeld über die positive Reaktion.

Der Trainer ist in diesen schweren Tagen als Psychologe gefordert. Vormittags hatte er in der Mannschaftsitzung ein Vier-Minuten-Video gezeigt mit dem Drama des verlorenen Endspiels 1999 gegen Manchester United und den Jubelszenen nach dem Titelgewinn in Mailand 2001. Die Botschaft lautete: Totale Konzentration, Glaube und Teamgeist können Berge versetzen, auch wenn die Qualität einer Mannschaft im Grunde nicht ausreicht: „Wenn man über sich hinauswächst, als Team zusammenhält, kann man mehr herausholen“, erläuterte Hitzfeld.

Denn die Probleme bleiben. „Man kann die Blockade nicht von heute auf morgen abstellen“, meinte Podolski, nicht der einzige Ausfall. Die Abwehr wankt weiterhin, in der Offensive fehlen Mut und Ideen. So lange Real Kraft hatte, und vor allem so lange David Beckham zauberte, waren die Bayern in Not. „Beckham hat 60 Minuten Weltklasse gespielt“, bemerkte nicht nur Rummenigge. Aber am Ende baute das Team von Trainer Fabio Capello, der nach Spielende jeden Kommentar zu seiner Zukunft verweigerte, bedenklich ab. „Man hat gespürt, dass das große Real Angst hatte“, meinte Bayerns Abwehrhüne Daniel van Buyten.

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