Fußball
Beckenbauer: "Weniger Trara wäre mir schon recht"

Fußball-Legende Franz Beckenbauer genießt das Leben. Den Jubilar, der am Sonntag 60 Jahre alt wird, interessiert aber nicht nur der FC Bayern und die Nationalelf, sondern auch Familie, Weltall und Papst Benedikt.

Die Lichtgestalt des deutschen Fußballs feiert runden Geburtstag und ganz Deutschland gratuliert. Im Gespräch mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) gibt "Kaiser" Franz Beckenbauer auch Persönliches preis.

sid: "Franz Beckenbauer, Sie werden am Sonntag 60 Jahre alt - und müssen zum Fifa-Kongress nach Marrakesch. Ärgert Sie das?"

Franz Beckenbauer: "Ganz und gar nicht. Ich entfliehe so einer Flut von Einladungen. Ich dränge mich nicht nach Empfängen. Wenn es sein muss, mache ich das, das geht schon vorbei. Aber der Kongress kommt mir wirklich höchst gelegen."

sid: "Wollten Sie nicht viel lieber feiern?"

Beckenbauer: "Wir haben eine Gästeliste aufgestellt, da kamen 2000 Leute zusammen, und das Doppelte vergisst man ja auch noch. Da haben wir festgestellt, dass eine große Feier wenig sinnvoll wäre. Ich bekomme ja eine Gala im ZDF, die am 11. September um 20.15 Uhr ausgestrahlt und von Günther Jauch und Thomas Gottschalk moderiert wird. Das ist eine große Ehre für mich. Besser geht es nicht."

sid: "Welche Wünsche haben Sie zum 60. Geburtstag?"

Beckenbauer: "Was ich möchte, ist, dass die WM 2006 ein Erfolg wird. Das wünsche ich mir auch für unser Land. Wir sind ja im Moment nicht in der besten Position - in jeder Hinsicht. Mit einer erfolgreichen WM könnte unser Land vielleicht wieder die Kurve bekommen."

sid: "Sehr staatsmännisch. Sie werden als Lichtgestalt verehrt, manche sehen Sie als informellen Bundespräsidenten. Geehrt?"

Beckenbauer: "Sicher ist mir im Fußball und mit der WM einiges gelungen, aber das ist ja kein Grund, etwas Besonderes aus mir zu machen. Ich würde nicht sagen, dass es mir peinlich ist, aber ein bisschen weniger Trara wäre mir schon recht."

sid: "Fühlen Sie sicht manchmal gar nicht mehr frei?"

Beckenbauer: "Ein freier Mann und frei in meinen Entscheidungen war ich immer. Aber du hast eben Aufgaben - wie jeder andere auch. Ich habe ja eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Diese menschliche Aufgabe, die beiden zu erziehen, steht über allem."

sid: "Auch über einer möglichen Uefa-Präsidentschaft?"

Beckenbauer: "Mit Sicherheit ja. Wenn Lennart Johansson einmal nicht mehr antreten sollte, habe ich Interesse an seiner Nachfolge. Aber ich weiß nicht, inwieweit dieses Amt so viel Zeit in Anspruch nimmt, dass ich keine Zeit mehr für meine Familie hätte."

sid: "Fühlen Sie sich mit 60 für diese Aufgabe geeigneter, als das vor 10, 15 Jahren vielleicht der Fall war?"

Beckenbauer: "Naja, ich bin diplomatischer geworden. Irgendwann musst du ja dazulernen. Mit 60 reagierst du anders als mit 40. Ich bin rücksichtsvoller, geduldiger, ja menschlicher geworden. Aufregen kann ich mich auch nicht mehr so richtig. Nur noch beim Autofahren, hin und wieder."

sid: "Für viele sind Sie ein besonderer Mensch, immer der Erste, immer vorne dran..."

Beckenbauer: "In der Schüler- und Jugendzeit war ich eben besser als die anderen und wurde immer nach vorne geschoben. Das ist geblieben. Ich war mit Anfang 20 Kapitän beim FC Bayern und so schon immer in der Situation, Verantwortung zu übernehmen. Das war mir nie fremd."

sid: "Wären Sie gerne etwas anderes geworden als Fußballer?"

Beckenbauer: "Ich wäre gerne Physiker geworden, um mehr über unser Sonnensystem zu erfahren. Dass wir mit 900 000 km/h durch das Weltall sausen, kann man sich nicht vorstellen. Das ist phänomenal! Da sieht man mal, wie klein wir sind. Wir sind gar nicht sichtbar, uns gibt es gar nicht. Und jeder meint, er hätte die Welt erfunden."

sid: "Bereuen Sie etwas?"

Beckenbauer: "Nein, es gibt nichts zu bereuen. Du solltest Herausforderungen annehmen. Wenn du das tust, hast du nichts zu bereuen. Wobei, es gibt da so modische Patzer. Ich hatte ja mal einen Schnauzer, dann mal kurze, mal lange Haare. Mal lange, mal kurze Mäntel, dann Pelze. Naja."

sid: "Machen Sie sich Sorgen, dass eine schwache deutsche Elf bei der WM Ihr Lebenswerk zerstören könnte?"

Beckenbauer: "Nein. Der "Confed-Cup" macht mir Mut. Der Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM ist ein Muss. Das ganze Land nimmt Anteil. Es kommen noch harte Zeiten auf Jürgen Klinsmann und seine Mannschaft zu. Während der WM sind alle im Umfeld andere Menschen. Wenn man zwei Monate lang unterwegs ist, bekommt jeder irgendwann einen Vogel. Da dreht jeder irgendwann mal durch."

sid: "Kann Klinsmann Ihren Erfolg von 1990 wiederholen?"

Beckenbauer: "1990 hatten wir mehr Persönlichkeiten in der Mannschaft. Diese Mannschaft war perfekt, von der Erfahrung, dem Können und der Einstellung her."

sid: "Bis auf Intermezzi bei Olympique Marseille und dem FC Bayern sind Sie seit 1990 nicht mehr im aktiven Fußballgeschäft tätig. Dennoch haben Sie fast täglich Termine. Spüren Sie Stress?

Beckenbauer: "330 Tage im Jahr sind verplant. Aber Stress? Ich tue doch nichts. Ich genieße das Leben, jeden Tag. Was ich mache, mache ich mit Freude. Wenn ich dann abends nach Hause komme, trinke ich ein Glas Wein oder ein Weißbier, rauche eine Zigarre und blicke zurück auf einen schönen Tag. Etwas Schöneres gibt es nicht."

sid: "Spüren Sie Druck, Versagensängste?"

Beckenbauer: "Nein. Das war schon früher auf dem Platz so: Je stärker wir unter Druck waren, desto ruhiger bin ich geworden."

sid: "Nach der WM 2006 wird der Druck erstmal von Ihnen abfallen. Was kommt danach?"

Beckenbauer: "Dann habe ich endlich mehr Zeit für meine Familie und die Berge. Ich bleibe in Kitzbühel wohnen, in meinem Bauernhaus. Da fährst du von der Straße weg, und in zwei, drei Minuten bist du in einer komplett anderen Welt. Das ist für mich ideal. Hier fühle ich mich sauwohl."

sid: "Welche Bedeutung wird dann der FC Bayern noch für Sie haben?"

Beckenbauer: "Der Verein ist und bleibt meine Lebensgeschichte. Ob ich aber im November 2006 als Präsident weitermache, wird sich zeigen. Ohnehin bin ich ja schon jetzt fast nurmehr Zaungast bei den Bayern. Das Verhältnis zu Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge ist aber nach wie vor sehr, sehr eng. Wir haben alle das gleiche Ziel: Dem FC Bayern zu dienen. Das werden wir auch in der Zukunft tun."

sid: "Gibt es eine Persönlichkeit der Gegenwart, die Ihnen imponiert?"

Beckenbauer: "Papst Benedikt XVI. gefällt mir. Der macht das super. Ich kenne ihn nicht, aber er macht einen sehr sympathischen, väterlichen Eindruck. Es wäre mein Wunsch, ihn kennenzulernen. Auch Jesus. Vielleicht empfiehlt mich der Benedikt ja."

sid: "Sie sagten vor Jahren, dass Sie immer noch versuchten, sich selbst kennenzulernen. Ist Ihnen das mittlerweile gelungen?"

Beckenbauer: "Dazu habe ich noch keine Zeit gehabt. Vielleicht brauche ich dazu Hilfe aus der Astrologie. Meine erste Wahrsagerin hat mir mal gesagt, ich sei eine alte Seele. Wahrscheinlich bin ich früher als Winnetou durch die Prärie geritten."

© SID

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