Britische Broker
Wetten gegen Rooooney

Das Fußballfieber hat die Londoner City erfasst. Genau wie der gemeine Brite befassen sich Banker und Broker am liebsten mit dem Anfeuern der eigenen Mannschaft - und mit Fußballwetten, der aktuellen Königsdisziplin des Zockens auf der Insel. Gegen den Schmerz der Niederlage sichern sich die Finanzprofis mit Deals ab.

LONDON. Auch die Engländer haben ihren Kaiser, und der hat während der Fußball-Weltmeisterschaft mindestens so viel zu tun wie Franz Beckenbauer. Der englische Kaiser ist ein kleiner schwarz-rot-golden gemusterter Fisch, der in einem Aquarium in der Zentrale der britischen Zeitung "Guardian" seine Kreise zieht und die Ergebnisse der WM-Spiele tippt. Dafür steuert er die Zahlen eins bis sechs an, die an einem Ende seines Glasgefängnisses angebracht sind. Mit seiner Wette tritt er gegen den gesammelten Fachverstand der "Guardian"-Leser an.

Das Fußballfieber hat England erfasst. Fußballwetten sind derzeit die Königsdisziplin des Zockens auf der Insel und das Anfeuern der eigenen Mannschaft die Lieblingsbeschäftigung der Menschen. Das gilt auch und erst recht für Banker, Broker und Berater in der Londoner City, die der Fußball mindestens ebenso fest im Griff hat wie den Rest des Landes. Nach sorgfältiger Analyse der letzten fünf Weltmeisterschaften kommen die Experten von Thomson Financial zu dem Schluss: Während der Zeit des Turniers sei mit deutlich weniger Deals zu rechnen als sonst im Juni üblich. Denn im WM-Rausch haben die Menschen anderes zu tun.

"Roooooooney" - sobald der englische Stürmerstar Wayne Rooney auch nur in die Nähe des Balles kommt, wird es laut, richtig laut in den Bars am Londoner Smithfield-Markt. Die Fans brüllen den Namen des Stürmers, auch die Anzugträger mit den Designerbrillen, die sich nach Feierabend aus ihren Büros in der City aufgemacht haben, um Englands mühsames 2:2 gegen Schweden anzusehen.

"Roooooooney", immer wieder schwillt der Chor an. Dabei eignet sich der britische "Roonaldo" mit seinem Bulldoggenschädel so gar nicht als Rollenmodell für Banker und Anwälte. Der Sohn eines Amateurboxers und einer Aushilfslehrerin prügelt sich in Kneipen und häuft Wettschulden an. Doch zur Weltmeisterschaft fallen in England offenbar alle Klassenschranken.

Zuerst waren es nur die Lieferwagen, dann kamen die Taxis, inzwischen zieren die weißen Fähnchen mit dem roten St.-Georgs-Kreuz auch einige Luxuslimousinen im Finanzviertel. Selbst in den Büros einiger Investmentbanken und PR-Berater hängen die Girlanden mit der Nationalfahne von der Decke. Trotz ausgesprochen durchwachsener Leistungen und herber Kritik der Boulevardzeitung "Sun" steht das ganze Land wie ein Mann hinter seiner Nationalmannschaft.

Das ganze Land? Ein klein wenig schämt sich der junge Engländer schon, deshalb will er seinen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Sein Vergehen: Er wettet gegen die eigene Elf. Der Mann ist Devisenhändler bei einer europäischen Bank, und selbst als Fußballfan kann er nicht ganz aus seiner professionellen Haut heraus. "Die Wette gegen das englische Team ist ein normaler Hedge", rechtfertigt er sich. Ein Absicherungsgeschäft, vor allem gegen den Schmerz der Niederlage. Wenn England verliert, dann soll der Wettgewinn das Leid ein bisschen lindern.

Am kommenden Sonntag wird der Händler also einige Pfund auf Ecuador setzen und doch hoffen, dass England die Südamerikaner vernichtend schlägt. Wäre es im Achtelfinale gegen Deutschland gegangen, hätte er sich seine Wette aber verkniffen, versichert er. Es gebe Grenzen, auch für emotionale Hedge-Geschäfte. Schließlich habe der Bildschirmschoner seines Computers zwei Jahre lang die Anzeigetafel des Münchener Olympiastadions vom 1. September 2001 gezeigt. 5:1 hieß es damals, 5:1 für England gegen Deutschland in der Qualifikation für die WM 2002. Bis heute verkauft sich die DVD mit dem München-Spiel ausgezeichnet in Großbritannien.

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