Bundesliga nach dem Terror von Paris
„Das Geilste? Dass wir heute über Fußball reden!“

Dortmund zu Gast beim „Angstgegner“ in Hamburg, Hochrisikospiel in Düsseldorf: Die ersten Bundesligaspiele nach den Anschlägen von Paris haben es in sich. Doch am Ende geht es einfach nur um: Fußball. Zwei Ortsbesuche.

Hamburg/Düsseldorfvon Leonidas Exuzidis

In der Regel bin ich ein großer Fan von Freitagsspielen: Spannende Begegnungen unter Flutlicht, prallgefüllte Stadien und stimmungsvolle Tribünen. Das Lieblingsteam legt im Idealfall mit einem Sieg vor und anschließend kann man auf der Couch in aller Ruhe beobachten, wie sich die Konkurrenz so durch den Spieltag schlägt. Die Partie an diesem Freitagabend stand aber auch für mich unter anderen Vorzeichen – so groß das Bedürfnis auch ist, das zu bestreiten.

Die ganze Republik blickte gestern gespannt nach Hamburg, denn viel wurde im Vorfeld über das Duell des HSV mit Borussia Dortmund geschrieben und spekuliert: Die erste Bundesliga-Partie nach den Terroranschlägen von Paris und der Spielabsage von Hannover. Die erste Bundesliga-Partie, nachdem die Terroristen den Fußball erstmals als Plattform genutzt hatten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es war letztlich doch vieles wie immer.

Dabei hatten einige eigentlich das genaue Gegenteil erwartet: Ängstliche Zuschauer, gehemmte Spieler – zunächst stand gar eine Spieltagsabsage im Raum. Erhöhte Polizeipräsenz, verschärfte Sicherheitskontrollen und überarbeitete Notfallpläne waren von den Vereinen im Vorfeld angekündigt worden – sie sollen Recht behalten. Das letzte Stück von der Autobahn bis zum Parkplatz kostet mich fast eine Stunde Zeit und jede Menge Nerven.

Ungewöhnlich viele Polizisten stehen bereits vor dem Parkplatz, Blaulicht links, Blaulicht rechts. Trotz der langen Wartezeit bin ich ziemlich früh dran. Auf dem Weg zum Stadion blicke ich in lachende Gesichter, voller Vorfreude auf den anstehenden Evergreen. Auch zahlreiche Nachwuchsfans laufen mir vor den Stadiontoren entgegen, größtenteils in den Hamburger Vereinsfarben schwarz, weiß und blau gekleidet. Sie wollen ihren HSV heute Abend siegen sehen.

Rundherum vor dem Volksparkstadion das gewohnte Bild: Hier und da eine Gruppe von Polizisten, lange Schlangen vor den Würstchen- und Bierständen und eine Handvoll Fans vor dem mobilen Fanshop. Auch einige Tickethändler sind vor Ort – auch diese Jungs kommen mir bekannt vor. Sorgenvolle Blicke in den Gesichtern der Fans? Fehlanzeige. „Wenn's passieren soll, dann passiert's halt. Kannste eh nix machen“, sagt ein Mann um die 40 vor mir in der Schlange.

Wie erwartet dauern auch die Sicherheitskontrollen heute außergewöhnlich lange. Der junge Ordner, zu dem ich mich begebe, filzt mich gründlich und begutachtet sogar meinen Schlüsselbund für einige Sekunden. „Komm' schon, es regnet“, sagt ein ungeduldiger Fan neben mir. Der Ordner bleibt hart. Dieses Vorgehen zieht das Ordnerpersonal konsequent durch – was dazu führt, dass das Spiel mit einer Verspätung von 15 Minuten angepfiffen wird. Nachvollziehbar, denn auch wenige Minuten vor dem regulären Beginn sind zahlreiche Plätze auf den Tribünen noch unbesetzt. Hier und dort haben Fans eine französische Flagge aufgehängt.

Vor dem Anpfiff ertönt traditionell die Hymne „Hamburg meine Perle“, gesungen von Lotto King Karl. Die HSV-Fans schmettern den Song lautstark mit, die Dortmunder Anhänger singen ihre eigenen Lieder. Auch das kennt man aus der Vergangenheit. Ich muss mich erinnern an das Jahr 2012, als in der Sendung „Menschen bei Maischberger“ Fußballfans öffentlich mit „Taliban“ gleichgestellt worden waren. Erscheint mir im heutigen Kontext irgendwie besonders komisch.

Vor dem Anpfiff gibt es zwei Schweigeminuten, eine für die Opfer der Pariser Anschläge – und eine für den verstorbenen Helmut Schmidt. Im Februar 2014, beim vorletzten Gastspiel der Dortmunder in der Hansestadt, hatte es auch eine gegeben, damals für den verstorbenen HSV-Masseur Hermann Rieger. Ich hoffe nicht, dass das zur Gewohnheit wird.

Während des Spiels geht es nur um Fußball. Die Hamburger geben ihren Heimfans Grund zum jubeln und siegen mit 3:1, die Dortmunder legen sportlich eine glatte Bruchlandung hin. Nach dem Abpfiff leert sich die Arena relativ schnell. Vor den Stadiontoren warten bereits Teile einer Hundertschaft der Polizei auf die Gästefans. Die neue Dimension des Terrors, der plötzlich ganz nah an Hamburg und Dortmund ist, mag die Fans in der jüngeren Vergangenheit vielleicht beeindruckt haben. Aber sie haben sich nicht einschüchtern lassen, denn von Angst fehlt hier jede Spur. Und das ist in diesen Tagen definitiv ein positives Zeichen.

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„Straßenbahnderby“ in der zweiten Liga

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