BVB trennt sich von Tuchel
Schleudersitz zu vergeben

Thomas Tuchel ist nicht mehr Trainer Borussia Dortmunds. Die Trennung wurde offiziell verkündet, klar war sie seit Wochen. Einen Nachfolger gibt es nicht – das ist kein Drama, aber potenzielles Problem. Ein Kommentar.
  • 1

DüsseldorfDie Wege des Herrn sind unergründlich. Das gilt auch bei Borussia Dortmund. Anders als bei anderen Fußballklubs ist Geschäftsführer Joachim Watzke bei weitem kein Alleinherrscher, aber er entscheidet maßgeblich über Wohl und Wehe. Fälle, in denen sich die kontrollierenden Gremien nicht seiner und der Meinung von Sportdirektor Michael Zorc anschließen, sind rar gesät. Das ist gut fürs Geschäft, das ist gut für den sportlichen Erfolg.

Die Entscheidung, sich von Trainer Thomas Tuchel zu trennen, so betont der Klub in der Mitteilung zur Causa, ist entsprechend mehrheitlich gefallen. Und die Gründe, von denen der BVB nun bittet, sie weder zu hinter-, noch zu erfragen, werden am Ende triftig sein. Schließlich muss man als börsennotiertes Unternehmen auch den Anteilseignern gegenüber einen handfesten Grund haben, einen Trainer, der alle sportlichen Ziele erfüllt hat, vor die Tür zu setzen und ihm dabei noch eine Abfindung von 2,9 Millionen Euro in die Hand zu drücken. Umso erstaunlicher, dass der BVB hier empfindlich reagiert. Im Feuergefecht der Eitelkeiten hat sich rund um die Strobelallee einiges an Pulverdampf gesammelt, der nun erst einmal abziehen muss.

Dann braucht es: Klarheit. Und das schnell. Die BVB-Aktie reagierte mit einem nicht sonderlich nachhaltigen, aber deutlichen Knick auf die Nachrichtenlage. So sehr die Entlassung eingepreist war, es herrscht Verunsicherung. Auch unter den Fans, die sich von außen keinen Reim darauf machen können, warum der Mann, mit dem sie noch am Sonntag am Borsigplatz den Pokalsieg bejubelt haben, ohne sportliche Not gehen muss. Dass der Klub sich jetzt um Diskretion bemüht, ehrt ihn. Die Diskretion hätte es dann aber schon im Vorfeld gebraucht.

Von Watzke, der den Trainer in Interviews öffentlich anzählte. Von den Medien, die genüsslich jede Entscheidung breittraten, jedes Zerwürfnis zwischen Tuchel und einem weiteren Vereins- oder Mannschaftsvertreter. Von BVB-Kapitän Marcel Schmelzer, der nach dem Pokalsieg mitten in die Jubellaune klar Position für den ausgebooteten Nuri Sahin und gegen den Trainer bezogen hatte. Und nicht zuletzt von Tuchel, der es sich nicht nehmen ließ, durch seinen zweiten Tweet auf einem eigens eingerichteten Twitter-Account die Deutungshoheit an sich zu reißen.

Joachim Watzke, wohl von Tuchels Aktionismus überrascht, reagierte inzwischen in einem offenen Brief – an die Fans, nicht an Investoren und Geschäftspartner. Ein Brief, der zu einem erzwungenen Nachkarten gegen den Trainer wird, denn auch, wenn kein konkreter Grund genannt wird, es gehe um „grundlegende Werte wie Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit, um Authentizität und Identifikation.“ Es gehe um Verlässlichkeit und Loyalität. Harter Tobak, der all diese Eigenschaften der Person Tuchel damit abspricht. Er bekräftigt die Gemeinsamkeit der Entscheidung. Und die Unausweichbarkeit. Watzke kehrt damit praktisch die Beweislast um. So stehen am Ende Aussage gegen Aussage, wohl mit ein Grund dafür warum, so heißt es, Tuchel und Watzke gegen Ende nur noch unter Zeugen miteinander redeten.

Klarheit bezüglich der Entlassungsgründe wird es nicht geben, das betont auch Watzke. Aus Diskretion, natürlich. Es gehe um ein Vertrauensverhältnis. Den Fans dürfte das sicher reichen. Dem gesunden Menschenverstand eigentlich auch. Ob es dem Business genügt, muss sich zeigen. Klarheit bezüglich des Nachfolgers hat damit Priorität. Dass der noch nicht präsentiert ist, kann zweierlei bedeuten. Die eine Lesart ist: Der BVB hat überraschend Probleme, einen Wunschkandidaten zu bekommen. Es wäre nicht verwunderlich nach den Querelen der vergangenen Wochen und Monate.

Der Druck auf den Neuen wird hoch, und damit ist nicht nur der Erfolgsdruck, sondern auch der Integrationsdruck gemeint. Zur Klubkultur muss er passen. Mit allen verstehen muss er sich. „Echte Liebe“, so der Vereinsslogan, muss er ausstrahlen. Watzke betont, es ginge nicht um Freundschaften oder „miteinander Skat spielen zu können“. Es würden keine vergleichbaren Maßstäbe an künftige Trainer angelegt. Es könnte zu einem unauflösbaren Widerspruch werden.

Der Spagat zwischen eigener Identität und kommerzieller Aufholjagd im Konzert der größten Klubs der Welt fällt dem Verein zunehmend schwerer. Mitunter gibt es ihn nur auf dem Papier, dank intensiver PR-Arbeit. Die Geschäftsmodelle wie -methoden unterscheiden sich dabei unwesentlich von Vereinen wie dem FC Bayern München – oder allen anderen ambitionierten Profiklubs, die wirtschaftliche Interessen bedienen müssen.

Die andere Lesart: Der Wunschtrainer steht schlichtweg noch unter Vertrag und wird erst am 1. Juli bekannt gegeben. Rechtzeitig vor Start der Saisonvorbereitung und um bei Transfers mit einbezogen zu werden. Heiß gehandelt wird Lucien Favre, der von Nizza losgeeist werden soll. Die Namen Stöger, Nagelsmann, über kurz oder lang sicher auch Hasenhüttl machen die Runde. Doch die sind alle versorgt, der Trainermarkt ist weitgehend ausgedörrt. Watzkes Schuss muss sitzen, um die Unruhe im Verein nicht zu vergrößern.

Kommentare zu " BVB trennt sich von Tuchel: Schleudersitz zu vergeben"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Dieser Watzke scheint ein bisschen der Trump vom BVB zu sein. Ganz großer Stratege.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%