Champions-League-Halbfinals
Kampf der Systeme

Oligarchen-Klub gegen Familienunternehmen, schuldenfreie AG gegen Steuer-Verein: Die Teams im Champions-League-Halbfinale unterscheiden sich stark in ihrer Finanzstrategie. Vier Porträts über die Kontrahenten.
  • 0

DüsseldorfEs wird ein Duell der Giganten — sportlich wie wirtschaftlich: Mit der Partie zwischen Real Madrid und Bayern München treffen am Dienstagabend nicht nur die jeweiligen Rekordmeister, sondern auch die reichsten Klubs ihres Landes aufeinander. Das bedeutet nicht zwangsläufig die Widerlegung der These, Geld schieße keine Tore. Aber die besondere Ausgangslage im Champions-League-Halbfinale gebietet einen Blick über das Sportliche hinaus – und die Analyse der verschiedenen Systeme der Klubs.

Real Madrid ist der einzige verbleibende tatsächlich Verein im Halbfinale. Und hat durch den 1:0-Heimsieg gegen den FCB beste Karten für das Rückspiel. Real gehört seit seiner Gründung ausschließlich den Vereinsmitgliedern. Was zunächst nach purer Fußballromantik klingt, ist allerdings Inbegriff des madrilenischen Außergewöhnlichkeitsanspruchs. Denn Real setzt sich damit — gemeinsam mit dem FC Barcelona sowie den Vereinen aus Bilbao und Osasuna — über ein Gesetz aus dem Jahr 1990 hinweg.

Dieses verfügt, dass Profiklubs den Status einer Kapitalgesellschaft annehmen und damit 30 statt 25 Prozent Körperschaftssteuer zahlen müssen. Doch der Verein weigert sich, und der Staat zwingt ihn zu nichts. Deswegen untersucht die Wettbewerbsbehörde der Europäischen Kommission den Fall auf unzulässige Beihilfen.

Ein Urteil gegen Real käme wohl einer Majestätsbeleidigung gleich. Denn die „Königlichen“ wollen nicht als gewöhnlicher Verein gelten, der den normalen Regeln unterliegt. Zum sportlichen Selbstverständnis gehört denn auch die Klubräson, stets die besten Spieler der Welt in die spanische Hauptstadt zu holen. Unter der Größenordnung Zidane, Beckham und Ronaldo läuft nichts für die „Galaktischen“.

Wie es sich gehört, sind die Madrilenen auch bei Transfersummen alleiniger Rekordhalter: Die Verpflichtungen von Cristiano Ronaldo und Gareth Bale knackten mit Ablöse, Prämien und Sonderleistungen jeweils die 100-Millionen-Euro-Marke. Die regelmäßigen Großeinkäufe am Transfermarkt werden trotz eines massiven Schuldenbergs getätigt: Aktuell steht Real wohl mit 500 bis 600 Millionen Euro in der Kreide. Dass die traditionellen „Königstransfers“ dennoch möglich sind, liegt am hohen Eigenkapital des Vereins — und daran, dass Madrid jährlich über die höchsten Einnahmen weltweit verfügt.

Im jährlichen „Football Money League“ Report des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Deloitte steht Real mit Einnahmen von 518,9 Millionen Euro zum neunten Mal hintereinander an der Spitze des Rankings. Den Madrilenen kommt neben Merchandising-Einnahmen zugute, dass sie die TV-Übertragungsrechte an ihren Spielen selbst vermarkten dürfen. Dieses Privileg genießt sonst nur noch der große Konkurrent aus Barcelona. Zudem erweist sich der Sponsoring-Deal mit Emirates Airlines als äußerst profitabel. Partiell ist also auch der altehrwürdige Königsklub vom arabischen Scheichtum abhängig.

Doch die Krone des Vereins hat mittlerweile einige Kratzer bekommen. Die EU-Kommission vermutet hinter einem Geschäft des Vereins mit der Stadt Madrid unlautere Wettbewerbsverzerrung. Dabei soll ein Grundstück angeblich mit einem Wert von 22,7 Millionen statt der angemessenen 595.000 Euro beziffert worden sein. Ab 2014 zwingt die spanische Liga den Verein zudem dazu, 35 Prozent seiner TV-Einnahmen als Bürgschaften für die Schuldentilgung beim Fiskus zu hinterlegen.

Und auch sportlich genügt Real seinen Ansprüchen nicht mehr: Vor zwölf Jahren gewann der Verein das letzte Mal die Champions League, vorige Saison holte man abgesehen vom recht bedeutungslosen Supercup keinen Titel. In der spanischen Liga liegt Real derzeit mit sechs Punkten Rückstand hinter dem Lokalrivalen und Spitzenreiter Atlético auf Rang drei. Ausgerechnet gegen den amtierenden Königsklassen-Sieger Bayern München soll die sportliche Kehrtwende vollzogen werden. Wirtschaftlich unterscheiden sich Bayern und Real dabei wie Tag und Nacht.

Kommentare zu " Champions-League-Halbfinals: Kampf der Systeme"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%