Copa America in Venezuela
Mit Fußbällen gegen den politischen Gegner

Sie ist das drittwichtigste Fußballturnier der Welt - die Copa America. In diesem Jahr findet sie in Venezuela statt. Und Staatspräsident Hugo Chavez missbraucht die Südamerika-Meisterschaft zur Propaganda für seine Politik und gegen die Opposition. Die Opposition hat mittlerweile zum Boykott der „Copa Propaganda“ aufgerufen.

SAN CRISTOBAL. Mit der Fußsohle streichelt Evo Morales kurz den Ball auf den linken Schuh, lupfte ihn zwanzig Zentimeter in die Luft und schickt ihn mit einem satten, technisch einwandfreien Vollspannstoss in den Nachthimmel von San Cristobal. Die Copa America 2007 in Venezuela ist damit offiziell eröffnet.

Vor seinem Amtskollegen aus Bolivien und Argentiniens Fußball-Legende Diego Maradona, der mit Hilfe ungenannter Petrol-Dollars eigens zur Eröffnung der Südamerika-Meisterschaft eingeflogen worden war, hatte Venezuelas Präsident Hugo Chavez bei einem ähnlichen Versuch eine ganz und gar klägliche Figur abgegeben. Das Missgeschick wurde von den 40 000 Zuschauern im Estadio Pueblo Nuevo dennoch frenetisch bejubelt. Nichts war zu spüren von dem politischen Riss, der mitten durch Venezuelas Gesellschaft führt. Dabei war der Regierung Chavez von Venezuelas größter Tagezeitung „El Nacional“ jüngst noch vorgerechnet worden, dass bei einer weiteren Verschärfung des nach Links abdriftenden politischen Diskurses mindestens 35 Prozent der Venezolaner das Land verlassen würden. Doch die waren an diesem Abend offenbar zu Hause geblieben.

Sicher ist bereits jetzt, dass kaum eine Copa America, nach der Weltmeisterschaft und der Europameisterschaft das drittwichtigste Fußballturnier des Planeten, seit dem Verschwinden eines Großteils der rechten Diktaturen Anfang der achtziger Jahre derart politisiert worden ist, wie die 42. Auflage des ältesten aller Fußball-Turniere.

Dabei liefern sich Opposition und die von Hugo Chavez geführte Regierung seit Wochen einen offenen Schlagabtausch. Kritische Stimmen hinsichtlich der Vorbereitung auf das Turnier wurden stets mit dem Vokabular des Totalitarismus beantwortet. Fehlender Patriotismus, Kolaboration mit dem Klassenfeind, Unterminierung des großen sozialistischen Projekts. Die mehrheitlich in den Händen der Opposition befindlichen Medien schlugen zurück und nahmen das Prestigeprojekt der sozialistischen Regierung gnadenlos auseinander. In der Folge entzog Chavez dem Fernsehsender RCTV, der unter anderem von der Weltmeisterschaft in Deutschland berichtet hatte, kurzerhand die Lizenz.

Um die kritischen Stimmen vollends zum Schweigen zu bringen, hat Chavez wenig später dort angesetzt, wo die Atmosphäre in den Stadien am besten zu manipulieren ist: bei der sorgfältigen Selektion des Auditoriums. Dass es die „chavistas“ mit ihrem Slogan „Venezuela ahora es de todos“ (Das Venezuela von heute gehört allen) dabei nicht allzu genau genommen haben, hat in den vergangen Wochen nicht nur die oppositionelle Presse, sondern auch ganz normale Fussballfans auf die Barrikaden getrieben.

So versammelten sich am 15. Juni hunderte Fans vor einem Regierungsgebäude in Caracas, um lautstark eine faire Verteilung der Tickets einzufordern. Bereits in der ersten Phase des Kartenvorverkaufs hatte es unverhältnismäßig viele Pannen gegeben. Nur wenige Bestellungen konnten ordnungsgemäß zum Abschluss gebracht warden. 70 Prozent der Karten, so der Verdacht, sind so in die Hände von regierungstreuen Institutionen gelangt.

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