Debatte um Fußball-WM
„Sport ist für Katar ein Instrument der nationalen Sicherheit“

Katar ist ein kleines Land mit mächtigen Nachbarn. Zahlreiche Investitionen in Sportereignisse sollen den Wüstenstaat stärken. Ein Professor aus Beirut erläutert wie Katar damit für die eigene Sicherheit sorgen will.
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Der deutsche Politik-Professor Danyel Reiche lehrt an der American University of Beirut. Von dort aus forscht er unter andrem über den Sport in der arabischen Welt.

Herr Reiche, Katar investiert Milliarden in den Sport. Warum?
Katar ist ein sehr kleines Land, umgeben von sehr großen mächtigen Nachbarn, Saudi-Arabien und Iran, die um die Vorherrschaft in der Region konkurrieren. Der Sport ist für Katar ein Instrument der nationalen Sicherheit. Um überhaupt wahrgenommen zu werden in der Welt baut Katar Beziehungen zu so vielen Ländern wie möglich auf, um nicht das Schicksal von Kuwait zu erleiden.

Anfang der 90er Jahre war der Irak in Kuwait einmarschiert.
Das will Katar unbedingt vermeiden. Also versuchen sie durch das Ausrichten von regionalen und globalen Sportereignissen Beziehungen aufzubauen, um dadurch sicher zu sein. Auch Vereine wie Paris St. Germain und den FC Barcelona zu sponsern, hilft dem Land, bekannter zu werden. Katar hat nur 10.000 Soldaten.

Saudi-Arabien und Iran sind riesige Länder. Katar kann militärisch also nicht viel ausrichten.
Momentan gibt es noch eine große US-Militärbasis in Katar. Das ist ein Stabilitätsanker, aber solche Verträge laufen immer für zehn Jahre und dieser wurde damals noch unter der Obama-Regierung erneuert. Es ist unklar, ob die Basis auf Dauer Bestand haben wird.

Der Präsident des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel, hat eine Diskussion über einen Boykott der Weltmeisterschaft in Katar angestoßen. Ist die WM 2022 in Gefahr?
Ich denke, wir müssen grundsätzlich festlegen, nach welchen Kriterien wir Großereignisse im Sport vergeben. Menschenrechte, Demokratie- und Umweltstandards werden weder in Katar noch in Russland eingehalten, wo die Weltmeisterschaft bereits in im kommenden Jahr stattfindet. 2010 hat die Fifa zum ersten Mal zwei WM-Standorte gleichzeitig benannt. Katar hat das Pech, dass noch genug Zeit wäre, einen andren Austragungsort zu finden.

Wie wichtig ist die WM für den Wüstenstaat?
Sehr wichtig, auch um sich für noch größere Sportereignisse zu qualifizieren. Katar hat sich schon zwei Mal erfolglos für die Olympischen Spiele beworben, 2016 und 2020. Die Welt will jetzt erst einmal sehen, dass Katar die WM vernünftig organisiert und dann kann man vielleicht über die Spiele im Jahr 2032 nachdenken.

Haben die vielen Sport-Ereignisse auch Auswirkungen auf die Bevölkerung im eigenen Land?
Auf jeden Fall. Die Kataris haben ein größeres Problem mit Übergewichtigkeit. Aber es gibt Verbesserungen, etwa was den Schulsport angeht. Auch Frauen machen Sport. Katar hat sogar eine Frauen-Fußballmannschaft, die bis 2014 von der Deutschen Monika Staab trainiert wurde. So etwas gibt es in Saudi-Arabien nicht.

Astrid Dörner ist Korrespondentin in New York.
Astrid Dörner
Handelsblatt / Deskchefin Agenda

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