Der „Kaiser" im Interview
„Die Entwicklung des Fußballs ist gefährlich“

Franz Beckenbauer über den Kommerz vor der WM, den Ärger um die Tickets, den rauen Ton der Fifa - und seine Schutzengel.
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Herr Beckenbauer, wann haben Sie zuletzt Fußball gespielt?

Vor drei Monaten, mit meinem Sohn. Ich bin von New York nach Dubai geflogen, dort hat meine Familie gerade Urlaub gemacht. Plötzlich fing der Kleine an, mir am Strand den Ball rüberzuschießen. Seitdem spielen wir häufiger Eins gegen Eins. Erst konnte er nur Passspiel und Schuss, jetzt fängt er zu dribbeln an. Da geht er auf mich zu und will mittendurch. Da sag ich: "Das geht nicht, du musst um mich herum." Aber mein Sohn ist stur, er lässt sich nicht viel beibringen. Jetzt nimmt er einmal pro Woche am Training teil, in Going. Seine Spezln aus dem Kindergarten machen auch mit.

Warum sind Sie Ihr Leben lang nicht vom Fußball losgekommen?

Das ist Leidenschaft; keine Ahnung, woher das kommt. Ich bin ein 45er-Jahrgang, wir sind in München-Giesing über Wiesen gerannt, auf denen Granaten eingeschlagen waren. Wir haben mit einem Stoffknäuel gespielt. Mein Vater war Postsekretär, wir mussten jeden Pfennig umdrehen. Mein erstes Fahrrad habe ich mir als Lehrling bei der Allianz zusammengespart. Es gab nur Fußball. Das ist die billigste Sportart. Du brauchst nur einen Ball. Ein Tor kannst du dir selber basteln, da steckst du zwei Stöcke hin, fertig.

Irgendwann hatten Sie genug Geld, um etwas anderes zu machen.

Gut, aber da war Fußball schon mein Beruf. Schauen Sie, auf unserer WM-Länderreise waren wir in Angola. Die Menschen haben 30 Jahre Bürgerkrieg hinter sich. Da gibt es nur Armenviertel, das Land sieht aus wie eine Müllhalde. Aber die Kinder spielen Fußball. Ich hab gesagt: Da komm ich her, unter ähnlichen Bedingungen bin ich aufgewachsen.

Aber Straßenfußball gibt es in München gar nicht mehr.

Nein, vom alten Spiel ist nichts mehr übrig. Fußball wird unten gespielt, an der Basis. Das ist sein Wesen. Inzwischen hat sich das aber von oben gewaltig verändert. Wir hatten damals nicht mal Umkleidekabinen. Die haben uns einen Kübel kaltes Wasser hingestellt.



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Und jetzt sehen Sie die Spieler im Entmüdungsbecken, mit Zigarre.

Ja gut, das gab es später bei mir auch. Die Frage ist nur: Wo entwickelt sich der Fußball hin? Wenn man heute die Spielervermittler sieht, die die Spieler hin und her schieben, wenn man merkt, dass jeder die Hand aufhält, dann macht mich das traurig. Einige Manager und Trainer verdienen an Transfers, sogar Präsidenten und Politiker, alle sind verwickelt. Dazu kommen die Wettgeschichten. Diese Entwicklung ist gefährlich, wie man besonders schmerzlich in Italien erfährt. Der Fußball ist sehr strapazierbar, aber man muss höllisch aufpassen.

Wie kann man diese Entwicklung stoppen?

Das ist sehr schwierig, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll. Wie willst du diesen Knoten durchschlagen, wenn alle involviert sind? Das geht nicht, da kann die Fifa noch so viele Bestimmungen erlassen. Nach der Weltmeisterschaft sollte man dieses Thema einmal generell angehen. Man sollte über die Grenze des Geldverdienens reden.

Aber Sie sind doch der Meister der Vermarktung.

Beim FC Bayern hat es das nie gegeben, dass Manager oder Trainer an einem Transfer verdient haben. Der Fußball braucht eine generelle Reinigung. Diese Erkenntnis habe ich in den letzten Wochen und Monaten gewonnen.

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