Deutsch-türkische Fußballer
Lieber Stammplatz als Herzblut

Die Integrationsdebatte kocht seit Wochen auf höchster Flamme. Kein Wunder, dass die Diskussion auch das Länderspiel der Türkei gegen Deutschland erfasst. Auf beiden Seiten spielen Fußballer, die ihre Wurzeln im jeweils anderen Land haben – und sich oftmals aus pragmatischen Gründen für ein bestimmtes Nationaltrikot entschieden haben.
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HAMBURG. Es war eine Art Blutgrätsche. In dieser Woche gab Hamit Altintop ein Interview, in dem er seinen Freund Mesut Özil angriff und das während der Fußball-WM oft gesungene Lied vom Integrationsweltmeister Deutschland unterbrach.

Altintop, gebürtiger Gelsenkirchener, der am Freitagabend das türkische Trikot tragen wird, kritisierte Mesut Özil, den gebürtigen Gelsenkirchener, dafür, dass er das deutsche Trikot tragen wird. Özil, so Altintop sinngemäß, solle sich nicht als Beispiel gelungener Integration feiern lassen, für ihn sei die Wahl der Nationalmannschaft nur ein Geschäft: "Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre nicht bei Real Madrid. So einfach ist das", sagte Altintop der Süddeutschen Zeitung. Mit Integration habe das nichts zu tun.

Altintop hat recht, vergisst aber, dass es noch eine andere Seite der Medaille gibt. Auch junge Deutschtürken setzen mehr auf Stammplatz als auf Herzblut.

Noch immer entscheiden sich zahlreiche Spieler für eine Karriere im türkischen Fußballverband. Dabei geht es nicht nur um die Altintop-Brüder oder den Dortmunder Nuri Sahin, die sich zu einer Zeit für die türkische Auswahl entschlossen haben, als auch im DFB-Dress noch die Müllermeierschulzes dominierten. Es geht um die neue Generation.

Im Kader des jüngsten Pflichtspiels der türkischen U21 standen sieben Deutschtürken. Sie wurden in Köln oder Düsseldorf geboren. In Ansbach, Paderborn oder Neuwied. Die deutsche U21 verspielte im August ihre EM-Qualifikation in Island ohne einen Spieler mit türkischen Wurzeln.

Eine Bilanz, die Erdal Keser freut. Keser, geboren im westfälischen Hagen, spielte viele Jahre für Borussia Dortmund. Heute ist es seine Aufgabe, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) möglichst viele Talente wegzuschnappen. Er leitet ein 25-köpfiges Scoutingteam, das für den türkischen Verband von Köln aus ganz Europa nach talentierten Fußballern mit anatolischen Wurzeln absucht.

"Wir geben unseren Landsleuten die Möglichkeit, für ihr Vaterland zu spielen", sagt Keser. "Jeder ist frei in seiner Entscheidung, für welches Land er spielen will. Wir ebnen nur den Weg." Druck gebe es von keiner Seite, sagt Keser. Aber schon 14-Jährige müssen sich erstmals entscheiden, welches Trikot sie überziehen möchten.

Diese Entscheidungen aber haben meist wenig mit Stolz auf das Vaterland zu tun, sondern mit sportlich-pragmatischen Überlegungen. "Das kommerzielle Denken kommt immer mehr durch", sagt der Chefbeobachter Keser. Mesut Özil etwa begibt sich bewusst auf die größere Bühne des DFB. Etwas weniger begabte Deutschtürken wählen den Weg in die Türkei, um überhaupt auf internationalem Niveau spielen zu können.

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