Deutscher Auftaktgegner
Euphorie in Costa Rica auf dem Siedepunkt

Die WM-Euphorie ist wenige Tage vor Turnierbeginn längst auf das kleine Costa Rica übergeschwappt. Während die meisten Fans dort vor dem Fernseher mitfiebern werden, trifft sich der harte Kern in Deutschland.

Costa Rica feiert sich schon vor dem Auftaktspiel der WM-Endrunde selber. "Costa Rica 2, Alemania 1. Pura Vida!", ruft Jorge Serrano und grinst verschmitzt. Pura Vida heißt wörtlich übersetzt "das pure Leben", aber in der Umgangssprache ist es ein fröhlicher Gruß und bedeutet so viel wie "super". Genauso ist die Stimmung in Costa Rica, und daran können weder ein blamables 2:3 der Ticos gegen die "Combinado de Walldorf" im letzten WM-Testspiel in Deutschland noch die daheim täglich aufziehenden Gewitterwolken zu Beginn der Regenzeit etwas ändern.

"Wir können doch nur gewinnen, und die Deutschen nur verlieren", meint Serrano und will nicht in die harsche Medienschelte nach den vier Test-Pleiten einstimmen: "Wenn es drauf ankommt, sind unsere Jungs da." Fast immer, wenn auf dem Sportkanal ein Sportreporter im schicken Anzug die neuesten Botschaften von "La Seleccion nacional" aus dem Hotel im fernen Walldorf verkündet, hockt Jorge in seiner Herberge "Quetzal Paradise" vor dem Fernseher. Dann muss seine kleine Schwester Jenny die Pferde mit den Touristen zum Wasserfall mitten im wildromantischen Regenwald führen.

Naturparadies im Ausnahmezustand

Am Freitag werden sie allerdings alle vor dem Fernseher sitzen, denn das Erziehungsministerium hat einen Sonderurlaub bis Mittag ausgerufen. Um zehn Uhr Ortszeit beginnt das Eröffnungsspiel gegen Deutschland, zu dem die meisten Beschäftigten des öffentlichen Dienstes frei haben. Ein Call-Center in Heredia hat wie viele Privatunternehmen extra 20 Plasmabildschirme für seine Angestellten geordert. Kein Wunder - das Duell gegen Deutschland ist fast das einzige Thema auf den Straßen. "Das Land wird paralysiert sein", glaubt Arbeitsminister Francisco Morales.

In jedem Fall trifft das auf Francisco aus Matapalo zu, der für sein letztes Geld einen alten Fernseher in der wackligen Hütte am Rande der Schotterstraße aufgestellt hat. Von den 4 000 Dollar, die die Einwohner durchschnittlich im Jahr verdienen, kann er nur träumen, aber die "Mundial de Futbol 2006" war ihm die Ausgabe wert. Auch wenn die einheimischen Spitzenvereine wie der Meister Deportivo Saprissa und selbst der nationale Fußball-Verband in der Hauptstadt San Jose nur ein Jahresbudget von fünf Mill. Dollar haben, glaubt er an ein Wunder gegen Deutschland. "Wir schaffen ein 1:1", sagt der Mann mit der rauchigen Stimme: "Die Ticos leben Fußball. Er drückt unsere Seele aus und hat uns in der Welt bekannt gemacht."

Nach der ersten WM-Teilnahme 1990, als Costa Rica nach sensationellen Siegen gegen Schottland und Schweden erst im Achtelfinale an der Tschechoslowakei scheiterte, setzte ein regelrechter Tourismus-Boom ein. Inzwischen bestaunen jährlich über eine Million Besucher in dem Naturparadies rauchende Vulkane, ungezügelte Urwälder, traumhafte Strände an Karibik wie Pazifik und wilde Tiere. Die größte Artenvielfalt der Welt mit Papageien, Faultieren oder Pfeilgiftfröschen haben den Öko-Tourismus noch vor dem traditionellen Bananenanbau zur Einnahmequelle Nummer eins gemacht.

Konto für WM geplündert

So ist das Land, mit gut 51 000 Quadratkilometern nur etwas größer als Niedersachsen, eine Art Musterstaat im chaotischen Mittelamerika, leistet sich kostenlose Schulbildung und Krankenversorgung. Der Fußball hat seinen Beitrag dazu geleistet und vom Eröffnungsspiel erhofft sich Fußball-Verbandschef Hermes Navarro noch einmal einen neuen Schub: "Diese 90 Minuten in München werden das Größte sein, was Costa Rica je erlebt hat."

Deshalb wollen, wie der frischgewählte Staatspräsident Oscar Arias, um die 1 000 Ticos die Reise nach Deutschland antreten. Einige Kinder, wie die der Organisation "Futbol por la vida - Fußball fürs Leben" wurden eingeladen, andere mussten ihr Konto restlos plündern. "Diese Chance hat man nur einmal im Leben und ich wollte sie nutzen, egal was es kostet. Die Augen der Welt werden auf unserem Land liegen", erzählt Felipe Garcia in der Zeitung "Tico Times".

Der 27-Jährige hat eine gigantische Costa-Rica-Fahne und drei T-Shirts der Auswahl im Gepäck. Er wird sich beim historischen Spiel gegen "Alemania" die Landesfarben rot, weiß und blau aufs Gesicht malen und wie vier Mill. fanatische Fans daheim auf einen Sieg hoffen.

© SID

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