Deutschland erwartet das Sommermärchen 2.0
Auf zur Vollendung

Seit diesen unvergesslichen Sommertagen des WM-Jahres 2006 ist alles anders. Die Nationalmannschaft reitet auf einer Welle, die weder die Halbfinalniederlage gegen Italien noch das eine oder andere schwache Testspiel brechen konnten. Jedes ihrer Spiele wird als landesweites Event begangen. Erst recht die Euro 2008. Und dabei geht es längst nicht nur um Fußball.

TENERO. Wahrscheinlich ist es ganz gut, dass die deutsche Nationalmannschaft in der Abgeschiedenheit des Tessins logiert. Dort, wo auch einen Tag vor Turnierstart nichts von EM-Euphorie zu spüren ist und die einzigen Landsleute ortsansässige Rentner sind. Die Spieler bekommen so allenfalls am Fernseher mit, wie zuhause die Devotionalien von der WM 2006 aus dem Keller geholt werden und wieder die Marktplätze, Balkone und Autos schmücken. Deutschland feiert sich schon mal titelreif - es erwartet ein Sommermärchen 2.0.

Es hofft nicht, es erwartet, und darin liegt auch schon der entscheidende Unterschied zur Heim-WM vor zwei Jahren. Damals konnte die Nationalelf eigentlich nur gewinnen, so niedrig waren die Ansprüche nach der miserablen EM 2004 und einer holprigen Vorbereitung. Als derart jämmerlich wurde ihr Zustand empfunden, dass ein Krisengipfel im Kanzleramt einberufen wurde und sich selbst wohl gesonnene Beobachter in Zynismus flüchteten. Noch nach dem 4:2 zum Auftakt gegen Costa Rica diskutierte das Land weniger über den torreichen Turnierstart als über die löchrige Abwehr. Dann kam das Polen-Spiel, das Siegtor in letzter Minute, die Explosion der Gefühle.

Und dieses Wohlbefinden ist alles andere als verpufft. Seitdem wird jeder Auftritt des DFB-Teams als landesweites Event begangen, und es geht dabei längst nicht nur um Fußball. Es geht auch um das Wohlbefinden der ganzen Nation. Viele Deutsche haben sich während der WM 2006 neu erfunden, den ewigen Griesgram abgeworfen - analog zu ihrer Mannschaft, die auf einmal nicht mehr den alten Rumpelfußball spielte, sondern das Spiel an sich riss, positiv und optimistisch. Und bei dieser EM möchte die Nation ihre neue Identität bestätigt sehen.

Auch in Tenero, im Trainingszentrum der deutschen Elf, ist dieser Tage viel von Bestätigung die Rede. Enorm weiterentwickelt habe man sich in den letzten zwei Jahren, sagten Bundestrainer Joachim Löw und Philipp Lahm am Donnerstag unisono. "Bei der WM war alles noch sehr euphorisch, jetzt spielen wir reifer und organisierter", so der Verteidiger. Unter Löw scheint Deutschland endlich die fußballerische Moderne verinnerlicht zu haben und auf demselben taktischen Niveau wie die Konkurrenz zu agieren. Diesen Trend aus der EM-Qualifikation wollen sie in den kommenden Wochen verstärken. "Ich spüre die Leidenschaft und Hartnäckigkeit der Spieler, etwas erreichen zu wollen", sagt Löw.

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