Deutschland im Ausland
Einfühlsam, weltoffen, vorbildlich

Die bunten Bilder von der Fußball-WM haben dazu geführt, dass Briten und Schweden, Holländer und Schweizer nun positiver über Deutschland denken. Ist es mehr als eine Momentaufnahme im Rausch der Spiele? Die Handelsblatt-Auslandskorrespondenten haben sich umgehört.

HB LONDON. Am Tag, an dem die deutschen Träume vom vierten Weltmeisterschaftstitel schon wieder Geschichte sind, huldigt die internationale Presse in gewohnt kräftiger Sprache dem Ereignis: "Besiegt, aber stolz - Deutschland ist ein Sieger. Tränen fließen, als Jürgen Klinsmanns Team von Italien verschrottet wurde. Ein ganzes Land weint mit seinem Trainer, der es geschafft hat, aus ein oder zwei Talenten und einigen anständigen Profis ein Team zu formen, das in der Lage ist, Weltmeister zu werden. Er hat Deutschland neu erfunden."

Was die britische "Daily Mail" in ihrem Kommentar gestern mit diesen wenigen Sätzen umschreibt, entspricht den Beobachtungen der Handelsblatt-Korrespondenten in aller Welt: Sie haben während der nunmehr fast vierwöchigen Weltmeisterschaft in London und Mailand, in Amsterdam und Stockholm, in Zürich und Wien erlebt, wie das so überraschend bunte und fröhliche Sportfest das Bild vom tristen, mitunter erstarrten Deutschen fast allerorten (zumindest ein wenig) verändert hat.

Michael Maisch, London
Die Deutschen haben Laura Smith-Spark eine Menge zu verdanken. Die Internetjournalistin der BBC ist quasi der Guru der neu entdeckten Zuneigung der Briten in Sachen Deutschland. Seit Beginn der WM tourt die Reporterin durch das Land, und in ihrem Internettagebuch schreibt sie so nette Sachen wie: "Wir alle lieben die Deutschen", und fragt sich: "Ist es nicht erstaunlich, wie sehr Fußball die Vorurteile über ein Land verändern kann?"

Und tatsächlich: Statt Berichte über No-go-Areas und Neonazis zu bringen, stellen die britischen Qualitätszeitungen völlig überrascht fest, dass die Deutschen doch Humor haben und feiern können wie die Weltmeister. Selbst die Boulevardblätter verzichten diesmal auf Fotomontagen von deutschen Fußballstars, die mit Stahlhelm zum Angriff blasen. Stattdessen druckt die "Sun" ein wohlwollendes Interview mit Wolfgang Ischinger ab, dem neuen deutschen Botschafter in London.

"Großartig, phantastisch, wunderbar, harmonisch", so lauten die Adjektive, die Private-Equity-Manager Philip Yea, Chef der Beteiligungsgesellschaft 3i, gebraucht, um seine Eindrücke vom World-Cup zu beschreiben. Yeas Fazit: "Deutschland scheint mehr mit sich selbst versöhnt zu sein, und das ist schön."

Wird die WM also tatsächlich zum Wendepunkt für die deutsch-britischen Beziehungen? Oder ist es nicht mehr als eine flüchtige Momentaufnahme?

Alle sind sich einig: Ein direktes Aufeinandertreffen zwischen England und Deutschland hätte der jungen Liebe ein vorzeitiges und tragisches Ende bereiten können. Beispiel: Seit dem Ausscheiden gegen Portugal boykottieren britische Fans das Urlaubsland. Vor dem Aus im Viertelfinale stand Portugal bei den Briten auf Rang 4 der beliebtesten Ferienziele, inzwischen rutschten die Iberer auf Platz 15 ab.

Spätestens beim nächsten sportlichen Aufeinandertreffen könnten Deutsche und Briten also wieder fremdeln - wie noch vor der WM. Da weist der WM-Führer der Zeitung Daily Telegraph unter der Rubrik "Hätten Sie?s gewusst?" noch auf die gefährliche Waschbär-Plage im Norden Frankfurts hin. Die Tiere seien so zahlreich, dass sogar die Weinernte gefährdet sei. Noch gefährlicher kommt nur die Hamburger Fauna daher: Dort mögen sich die Leser doch bitte vor den Kröten hüten, die unerklärlicherweise und "ohne Vorwarnung plötzlich zu Tausenden in Parks und Tümpeln explodieren".

Katharina Kort, Mailand
Davide Iavarone hat das Ticket für das Finale bereits in der Tasche. "Wenn Italien ins Endspiel kommt, fliege ich nach Berlin", sagt der junge Mann mit der breiten Dior-Sonnenbrille und dem grün-gelben Adidas-T-Shirt stolz. Sein Vater, der in Rostock arbeitet, hat ihm die Eintrittskarte besorgt.

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