Deutschland zeigt Flagge
Vom String-Tanga bis zur Bratwurst-Packung

Die Deutschen sind nicht unbedingt für ihre tiefe Verbundenheit zum eigenen Land bekannt - im Gegensatz zu vielen anderen Nationen. Doch mit der Weltmeisterschaft hält plötzlich der Patriotismus Einzug zwischen Flensburg und Passau. Eine Fahne gehört in diesen Tagen zur Grundausstattung eines jeden Haushalts.

HB BERLIN. So viel Schwarz-Rot-Gold wie in diesen Tagen war wohl noch nie in Deutschland zu sehen. Zur Fußball-Weltmeisterschaft zeigt der Gastgeber Flagge, und das nicht nur in den Fußball-Stadien. Die alternative Berliner Band Mia hat es schon vor einiger Zeit in einem Video vorgeführt: Die Nationalfarben sind nicht mehr nur etwas für Staatsbesuche, Burschenschaften, Schrebergärten oder Eckkneipen. Ob sich aber dahinter ein neuer Patriotismus oder nur das WM-Fieber verbirgt, werden wohl erst Umfragen nach dem Abpfiff am 9. Juli zeigen.

Pünktlich zur Weltmeisterschaft wollen gleich mehrere Bücher den Deutschen etwas mehr Selbstliebe beibringen. Am meisten Ausmerksamkeit bekommt derzeit "Spiegel"-Kulturchef Matthias Matussek mit "Wir Deutschen", das den doppeldeutigen Untertitel "Warum uns die anderen gern haben können" trägt. Florian Langenscheidt sammelt in "Das Beste an Deutschland" gleich "250 Gründe, unser Land heute zu lieben". Die Imagekampagne "Land der Ideen" von Bundesregierung und Wirtschaft will das internationale Interesse an der WM nutzen, um zu beweisen, dass Deutschland mehr zu bieten hat als Bratwurst, Bier und Autobahnen ohne Tempolimit. Auch sie schmückt sich dezent mit den Nationalfarben.

Bei Flaggen- und Fanartikelherstellern klingeln derweil die Kassen. "Der Absatz an Fahnen ist immens. Deutschland ist der Top- Renner", sagt Lukas Weimann, Juniorchef der Pro Feet GmbH, die große Kaufhäuser mit WM-Fahnen beliefert. "Es scheint, als hätten die Deutschen keine Probleme mehr mit ihrer Flagge." Ob das deutsche Fahnenmeer wirklich der Ausdruck für eine neue Vaterlandsliebe ist, bezweifeln Experten. "Nicht jeder Fahnenschwenker wird gleich zum Patrioten oder Nationalisten", sagt Klaus Boehnke, Sozialwissenschaftler an der International University Bremen.

Ihren Ursprung haben die deutschen Farben im 19. Jahrhundert. Das Freikorps des preußischen Reiteroffiziers Adolf von Lützow kämpfte 1813 in schwarz-rot-goldgelben Uniformen gegen den französischen Besatzer Napoleon. Wenige Jahre später nahmen die studentischen Burschenschaften die Farben an, 1848 bestimmte die Frankfurter Nationalversammlung sie zu Symbolen des Deutschen Bundes. Auch in der Weimarer Republik waren die Farben Schwarz-Rot-Gold. Nach der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten wurden sie in beiden Teilen Deutschlands wieder gehisst, in der DDR mit Hammer und Zirkel. So unverkrampft wie die Dänen oder die Amerikaner gehen die Deutschen heute aber noch lange nicht mit ihrer Fahne um.

Aus stilistischer Sicht findet die Kombination Schwarz-Rot-Gold nicht nur Liebhaber. "Hätte man sich 1949, als man zusammensaß, eine Fahne für Deutschland zu entwerfen, nicht auf elegantere Farben einigen können? Ein zartes Violett, ein höfliches Lindgrün, ein frisches Hellblau?", fragt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" im Scherz. Wer in wilhelminischem Gehorsam überlegt, ob das Flagge zeigen am Balkon überhaupt erlaubt ist, den wird eine eigens zur WM herausgegebene Pressemitteilung des Deutschen Mieterbundes beruhigen: "Plakate und Fahnen stören niemanden." Aber bitte ein Exemplar "in Normalgröße" wählen, so dass nicht die Fenster der Nachbarwohnungen mitbeflaggt werden.

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