DFB-Präsident optimistisch
"MV" spürt im Team "eine große Begeisterung"

Kurz vor dem WM-Start am Freitag hat sich Gerhard Mayer-Vorfelder im sid-Interview zur Euphorie rund um die DFB-Elf geäußert. "Die Spieler glauben an Klinsmann und an das, was er ihnen sagt", so der DFB-Präsident.

Drei Tage vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica hat sich Gerhard Mayer-Vorfelder in einem aktuellen Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) zur WM-Euphorie rund um die deutsche Nationalmannschaft geäußert. Außerdem wagte der DFB-Präsident einen Blick auf die Zeit nach dem Großereignis.

sid: "Herr Mayer-Vorfelder, wissen Sie noch, was Sie am 2. Juni 1993 gemacht haben?"

Gerhard Mayer-Vorfelder: "93? Muss ich überlegen... Das war ein Jahr vor der WM in den USA... Hat das damit zu tun?"

sid: "Falsch. Da haben Sie in Zürich die WM-Bewerbung abgegeben."

Mayer-Vorfelder: "War das wirklich schon 93? Ich habe die Unterlagen dem damaligen Fifa-Präsidenten Joao Havelange übergeben, und ich erinnere mich noch, wie er mir sagte: Meine Stimme habt ihr - wenn ich dann noch da bin."

sid: "Er war nicht mehr da, und sein Nachfolger Joseph S. Blatter hat aus seiner Sympathie für Südafrika nie einen Hehl gemacht."

Mayer-Vorfelder: "Wir wollten mit den Südafrikanern ein Agreement schließen, aber sie haben das abgelehnt. Es kam zur Abstimmung, die haben wir gewonnen. Dazu haben viele beigetragen. Egidius Braun, der dafür gesorgt hat, dass die Europäer nach dem Ausscheiden der Engländer für uns gestimmt haben. Franz Beckenbauer durch seine Reisediplomatie. Und ich ein wenig, indem ich vor der WM 2002 für die gemeinsame Ausrichtung durch Südkorea und Japan plädiert habe, um einem Verlierer einen Gesichtsverlust zu ersparen. Das hat Deutschland in Asien auch Sympathien eingebracht."

sid: "Kurz vor dem WM-Start interessiert natürlich, was der DFB-Präsident und Delegationsleiter über die Chancen der deutschen Mannschaft denkt."

Mayer-Vorfelder: "Ich habe ein gutes Gefühl. Es gibt spielerisch bessere Mannschaften, aber ich spüre in unserem Team eine große Begeisterung. Die Spieler glauben an Klinsmann und an das, was er ihnen sagt. Dieser Teamgeist kann uns weit bringen, ähnlich wie bei der WM 2002. Ich habe Klinsmann gesagt, er muss noch vier Jahre weitermachen, dann haben die Spieler die nötige Erfahrung. Noch hat die Mannschaft ihre Leistungsgrenze nicht erreicht."

sid: "Konkret gefragt: Wie weit kommt die Nationalmannschaft?"

Mayer-Vorfelder: "Die Vorrunde überstehen wir, das Achtelfinale auch. Dann kommt das Viertelfinale, und ab da entscheidet die Tagesform."

sid: "Wie sehen Sie nach der WM die Zusammenarbeit zwischen Teammanager Oliver Bierhoff und Sportdirektor Matthias Sammer?"

Mayer-Vorfelder: "Sie müssen sich zusammenraufen, eventuell muss der Präsident ein Machtwort sprechen. Der DFB hat für diese Besetzung gesorgt, jetzt muss er Lösungen finden."

sid: "Sie hören beim DFB-Bundestag im September auf. Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?"

Mayer-Vorfelder: "Ich habe ihm nichts mit auf den Weg zu geben, weil ich nicht weiß, wo er die Schwerpunkte setzt. Wie der alte Grieche sagte: Alles ist im Fluss. Aber ich wünsche Dr. Zwanziger, ich gehe davon aus, dass er zum Präsidenten gewählt wird, alles Gute für das Amt."

sid: "War die Doppelspitze ein Erfolg oder ein Flop?"

Mayer-Vorfelder: "Bei einem großen Verband, der auch international Einfluss haben will, ist eine solche Doppellösung fast unausweichlich. Fifa und Uefa nehmen bei Terminen keine Rücksicht auf nationale Verbände, und dann ist der Präsident eben nicht da. Ich würde eine Weiterführung empfehlen."

sid: "Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach sechsjähriger Amtszeit an der Spitze des DFB aus?"

Mayer-Vorfelder: "Ich bin zufrieden mit dem Beitrag, den ich leisten konnte. Die Liga wurde in die Selbständigkeit geführt, bleibt aber unter dem Dach des DFB. Der DFB ist finanziell gut gestellt und nicht auf staatliche Mittel angewiesen. Die Verteilung der Gelder in der Liga belohnt die Leistung, garantiert aber auch eine Basisunterstützung. Ich bin froh, dass wir die Nachwuchsförderung sofort in Angriff genommen und auch an strukturellen Veränderungen einiges erreicht haben. Als die drei Säulen möchte ich dabei die Leistungszentren in den Lizenzvereinen, die Stützpunkte und die Jugend-Bundesligen bezeichnen. Daneben die klassische Sichtung und Ausbildung in den Jugend-Nationalmannschaften, auch den Fußball in der Schule wollen wir weiter stärken. Die vielen jungen deutschen Spieler in den Kadern der Bundesliga, die Tatsache, dass alle U21-Nationalspieler über Spielpraxis in den Bundesligen verfügen, die großen Bemühungen um die Weiterbildung der Vereinstrainer im Amateurbereich, all das macht mir große Hoffnung, dass wir richtig liegen mit unseren Anstrengungen."

sid: "Karl-Heinz Rummenigge hat die Nachwuchsarbeit kürzlich aber heftig kritisiert."

Mayer-Vorfelder: "Wir bilden keine Bundesliga-Spieler aus. Jedes Jahr holt sich die Liga 500 Nachwuchsspieler aus den Leistungszentren. Die Bundesliga muss diesen Spielern den Feinschliff geben. Das ist ihre Aufgabe."

sid: "Trotz Grundlagenvertrag: Wird die Kluft zwischen Profi- und Amateurvereinen nicht immer größer?"

Mayer-Vorfelder: "Ich bin nicht müde geworden, zu unterstreichen, wie wichtig der Grundlagenvertrag ist. Das ist ein Geben und Neben zwischen Amateuren und Profis."

sid: "Sie hören als DFB-Präsident auf, machen in den Exekutiv-Komitees von Fifa und Uefa aber weiter. Nun hat der Geschäftführende Präsident Theo Zwanziger in einem Zeitungsinterview sein Interesse an einem Platz in der Uefa-Exekutive bekundet. Hat Sie das verblüfft?"

Mayer-Vorfelder: "International arbeiten zu wollen, ist legitim, auch wenn er vorher das Gegenteil gesagt hat. Wir haben darüber gesprochen. Es gibt übrigens keinen Automatismus, wonach der DFB-Präsident Ämter in der Uefa oder Fifa einnimmt. Dr. Zwanziger muss erst bekannt werden. Das bedarf intensiver Vorbereitung."

sid: "Immer häufiger wird der ausufernde Kommerz vor allem bei Großturnieren kritisiert. Wie stehen Sie dazu?"

Mayer-Vorfelder: "Ohne Kommerzialisierung gibt es keinen Berufssport. Der Knackpunkt wäre für mich gekommen, wenn das Spiel verändert würde, also vier Viertel, Auszeiten oder ähnliches, damit mehr Zeit für Werbung entsteht. Ich halte es schon für lächerlich, wenn auf den Anzeigentafeln jedes Tor und jeder Schütze von irgendeiner Firma präsentiert wird. Aber ich sehe das nicht dramatisch, das Spiel wird nicht beeinflusst."

sid: "Es wird auch moniert, dass es bei der WM zu viele Karten für Vips, Sponsoren und die Gastronomie-Bereiche gibt und viel zu wenige für das breite Publikum."

Mayer-Vorfelder: "Bei den Sponsoren sehe ich das nicht als tragisch an, weil die viele Karten durch Gewinnspiele wieder unters Volk bringen. Ein kritischer Punkt sind die Hospitality-Pakete. Die haben zu viele Karten bekommen, und die Preise waren viel zu hoch. Wir haben die Problematik in der Fifa-Finanzkommission diskutiert - ich hoffe, wir finden noch eine Lösung."

© SID

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%