DFB-Präsident Reinhard Grindel

Schatten des WM-Skandals verfolgt den selbsternannten Erneuerer

Reinhard Grindel bleibt DFB-Präsident. Er hat dem Verband nach dem WM-Skandal einen Reformplan auferlegt. Den Blick in die unangenehme Vergangenheit überlässt er bei seiner Bewerbungsrede weitgehend anderen Funktionären.
Reinhard Grindel führt den DFB seit dem 15. April 2016, als er zum Nachfolger des durch die WM-Mauscheleien belasteten Wolfgang Niersbach gekürt wurde. Quelle: dpa
42. Ordentlicher DFB-Bundestag

Reinhard Grindel führt den DFB seit dem 15. April 2016, als er zum Nachfolger des durch die WM-Mauscheleien belasteten Wolfgang Niersbach gekürt wurde.

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ErfurtMit dem großen weißen Blumenstrauß in der Hand stand Reinhard Grindel auf dem Podium und strahlte glücklich über seine reibungslose Wiederwahl zum Chef des Deutschen Fußball-Bundes. Die langen Schatten des WM-Skandals verfolgten den selbst ernannten Erneuerer aber auch bei seiner einstimmigen Bestätigung im Amt durch die 258 Delegierten des DFB-Bundestages in Erfurt. „Das ist ein großer Rückenwind für die Aufgaben der kommenden drei Jahre“, sagte Grindel am Freitag. „Es ist schön, dass man jetzt ein richtiger Präsident ist.“

Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete führt den DFB seit dem 15. April 2016, als er zum Nachfolger des durch die WM-Mauscheleien belasteten Wolfgang Niersbach gekürt wurde. Nun kann Grindel bis 2019 die Geschäfte führen – gemeinsam mit dem ebenfalls wiedergewählten Präsidium, das nahezu unter Niersbach arbeitete. Grindels Vorgänger wurde für seine letzte Amtszeit vom Bundestag nicht entlastet.

Fast eine Viertelstunde war der 55 Jahre alte Grindel in seiner Bewerbungsrede vor den Funktionärskollegen ohne ein Wort über die Sommermärchen-Affäre, die den DFB immer noch extrem belastet, ausgekommen. Erst dann ging er auf die Vergangenheit ein. „Ich habe im April angekündigt, dass wir eine ganze Reihe von Konsequenzen aus der WM-Affäre ziehen werden. Heute können wir Vollzug melden“, sagte Grindel. Vollzug soll heißen: Der DFB verpasst sich eine Reihe von Veränderungen, die ihn aus Sicht von Grindel transparenter und moderner aufstellen.

Von Millionenzahlungen und Erinnerungslücken
Aufarbeitung dauert an
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Im Juli 2015 stilisierte sich Wolfgang Niersbach im Zeichen der Krise beim Weltverband FIFA noch als moralische Fußball-Instanz. Der damalige DFB-Präsident war aber schon mit der Aufarbeitung eines Skandals im eigenen Hause beschäftigt - damals noch im stillen Kämmerlein. Publik wurden die finanziellen Ungereimtheiten rund um die deutsche Bewerbung für die WM 2006 mit der Veröffentlichung eines Berichts im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Oktober 2015. Ein Jahr später dauert die Aufarbeitung an.

6,7 Millionen: Wo endeten die Geldflüsse von Kitzbühel nach Katar?
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Es ist die entscheidenden Frage des WM-Skandals. Warum mussten die deutschen Organisatoren umgerechnet 6,7 Millionen Euro an eine Firma in Katar überweisen, auf ein Konto des Skandalfunktionärs Mohammed bin Hammam. Der Freshfields-Bericht des DFB machte im März klar, wie die Geldflüsse liefen - über ein Konto von Franz Beckenbauer (Foto) in die Schweiz und von dort an den Golf. Der Kaiser bekam das Geld zurück durch einen Kredit des ehemaligen Adidas-Chefs Robert Louis Dreyfus, der das Geld dann wieder haben wollte, weshalb die Legende von einer Vorschusszahlung durch die FIFA für eine WM-Gala gestrickt wurde.

Weiß es Joseph Blatter?
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Bin Hammam schweigt. Zwei Varianten gelten als möglich. Mit den Millionen wurden asiatische FIFA-Wahlmänner nachträglich bezahlt. Aus DFB-Kreisen verlautet, dass es wahrscheinlicher sei, dass damit schwarze Wahlkampfkassen für FIFA-Chef Joseph Blatter (l.) gefüllt worden seien. Der Schweizer dementiert heftig.

Viele Erinnerungslücken: Was wussten Niersbach und Zwanziger wann?
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Es gehört zur Eigendynamik eines jeden Skandals, dass sich die Protagonisten immer nur an die Verfehlungen erinnern können, die ihnen gerade bewiesen wurden. Auch die Sommermärchenmacher haben zehn Jahre nach dem Turnier große Erinnerungslücken, wenn es um ihr Handeln im Vorlauf der WM geht. Niersbach beharrt darauf, erst im Sommer 2015 Kenntnisse von den dubiosen Geldflüssen gehabt zu haben. Eine handschriftliche Notiz auf einem Schriftstück aus dem Jahr 2004 liefert ein starkes Indiz, dass dies nicht stimmt.

Theo Zwanziger
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Ehemalige Kollegen wie Theo Zwanziger behaupten, dass Niersbach sehr wohl zum Mitwisserkreis gehörte. Doch auch der frühere DFB-Präsident Zwanziger und ehemalige OK-Finanzchef musste einen Zeitpunkt über die Abwicklung der Rückzahlung des Kredits revidieren. Jahreszahlen zwischen 2000 und 2005 verschwimmen in den Funktionärserinnerungen.

Oddset-Millionen für den Kaiser: Hatte Beckenbauer ein Ehrenamt?
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„Selbstverständlich mache ich das ehrenamtlich.“ Dieser Satz von Franz Beckenbauer (r.) aus den WM-Zeiten klingt im Lichte der jüngsten Erkenntnisse hohl. Wieder wird durch Medienberichte publik, dass der Kaiser sehr wohl entlohnt wurde für seinen enormen Einsatz für die Heim-WM - und zwar fürstlich. 5,5 Millionen Euro aus dem Topf von Sponsor Oddset kassierte er via DFB und WM-OK. Der Geldfluss macht die Argumentation aus dem Beckenbauer-Lager schwierig, dass es sich um eine Entlohnung für ohnehin vereinbarte Werbeauftritte für Oddset gehandelt habe.

Fragen über Fragen
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Warum wurde dann nicht direkt von der Lotteriegesellschaft überwiesen? Zudem wirft Fragen auf, warum der DFB die anfallenden Steuern erst 2010 bezahlte. Die bittere Ironie: Geheimniskrämerei wäre gar nicht nötig gewesen. Im WM-Taumel hätte es gegen Millionenzahlung an den Kaiser wohl kaum Protest gegeben.

Der DFB führt erstmals in seiner 116-jährigen Geschichte eine Ethikkommission ein und reformiert seine Compliance-Struktur. Der frühere Bundesaußenminister Klaus Kinkel soll den Vorsitz des Ethik-Gremiums übernehmen. „Wir setzen dabei darauf, dass wir in Zukunft in Ethikfragen von herausragenden externen Fachleuten beraten werden“, sagte Grindel. Anders als beim Weltverband FIFA rechnet der DFB aber nicht mit einer Flut an Ethik-Verfahren. Deshalb wird es auch keine eigenständige rechtssprechende Kammer geben, sondern den DFB-Richtern werden spezialisierte Beisitzer zur Seite gestellt.

Wolfgang Niersbach und der ehemalige Generalsekretär Helmut Sandrock wurden von den Delegierten nicht entlastet. Dieser formale Vorgang werde „zurückgestellt, bis eine endgültige Klärung des Sachverhalts erfolgt ist“, sagte Generalsekretär Friedrich Curtius. Ansonsten wurde die Skandal-Aufarbeitung aber weitgehend als abgeschlossen bewertet. „Der DFB wurde vor einem Jahr in seinen Grundfesten erschüttert, gleichwohl gelang es uns, den beinahe entgleisten DFB-Zug auf den Schienen zu halten“, sagte DFB-Vize Rainer Koch.

Der Name des früheren WM-Organisationschefs und DFB-Ehrenspielführers Franz Beckenbauer fiel bis zur Wahl kein einziges Mal. „40 min. Rede, aber kaum was zum #WMSkandal & nichts zur Aufklärung & #Beckenbauer gesagt!“, twitterte der Grünen-Politiker Özcan Mutlu, der auch Mitglied des Sportausschuss des Deutschen Bundestags ist, über seinen früheren politischen Gegner Grindel. „Aufbruch & Transparenz ist das nicht!“ – genau diesen Eindruck wollten Grindel und sein Generalsekretär Curtius vermitteln.

Seine ökonomischen Aktivitäten lagert der durch die WM-Affäre auch finanziell belastete DFB in einer Tochtergesellschaft aus, um wie die FIFA wirtschaftliche Entscheidungen von den ideellen Belangen des Verbandsalltags zu trennen. Schatzmeister Stephan Osnabrügge machte deutlich, dass sich 2015 durch den WM-Skandal die Kosten der Ausgaben für juristische Angelegenheiten im Vergleich zum Vorjahr auf 3,2 Millionen Euro versechsfacht hätten. Auch für 2017 muss der DFB an die finanziellen Reserven gehen, um einen ausgeglichenen Haushalt hinzubekommen.

Elf Köpfe im Sommermärchen-Skandal
Franz Beckenbauer
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Der Imageschaden ist enorm, der einstige deutsche Fußball-Kaiser schon lange nicht mehr unantastbar. Als Chef des Organisationskomitees steht er in der Hauptverantwortung – und kann einen Geldfluss in Millionenhöhe von seinem Konto nie schlüssig erklären. Stattdessen überrascht sein Geschäftsverhalten, „immer alles einfach unterschrieben“ zu haben. Ein Verfahren gegen ihn in der Schweiz wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs läuft. Dass er für das vermeintliche Ehrenamt über einen Werbedeal von DFB und OK 5,5 Millionen Euro kassierte, lässt Beckenbauer in der öffentlichen Gunst weiter sinken.

Wolfgang Niersbach
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Als DFB-Präsident ist sein Rücktritt unausweichlich, seine Ämter in den Exekutiven von Uefa und Fifa verliert er wegen einer Einjahressperre durch die Ethikhüter des Weltverbands. Sein miserables Krisenmanagement samt ungenügender Informationspolitik des DFB-Präsidiums werden ihm zum Verhängnis. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen Steuerhinterziehung gegen ihn, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt, das Trio steht auch im Fokus der Schweizer Behörden.

Horst R. Schmidt
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Niersbachs Vorgänger als DFB-Generalsekretär galt stets als Pragmatiker und Hirn der deutschen WM-Organisation. Doch auch sein tadelloser Ruf hat gelitten, nicht nur durch die laufenden Ermittlungen.

Theo Zwanziger
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Der Gesprächigste aus dem inneren DFB-Zirkel. Der frühere Verbandschef weist sehr gerne auf Versäumnisse anderer Beteiligter hin, muss aber auch selbst einen Zeitpunkt über die Abwicklung der Rückzahlung des entscheidenden Kredits von 6,7 Millionen Euro revidieren. Kritiker werfen ihm einen Rachefeldzug gegen seinen Intimfeind Niersbach vor.

Günter Netzer
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Nur drei Tage vor dem Gerichtstermin legen der frühere Mittelfeld-Regisseur und Zwanziger im April ihren öffentlichen Streit bei. Zwanziger behauptete, Netzer habe bei einem Treffen 2012 einen Stimmenkauf von vier asiatischen Fifa-Funktionären vor der WM-Vergabe bestätigt. Netzer wies dies zurück.

Mohamed bin Hammam
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Über Umwege landen zehn Millionen Schweizer Franken (6,7 Millionen Euro) vom DFB auf einem Konto eines Unternehmens, dessen alleiniger Anteilseigner der skandalumwitterte Katari ist. Warum? Um asiatische Fifa-Wahlmänner nachträglich zu bezahlen? Der Untersuchungsbericht der durch den DFB beauftragten Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer gibt abschließend keine Antwort, bin Hammam schweigt.

Joseph Blatter
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Eine zweite Theorie zum Verbleib der Millionen, die auch aus DFB-Kreisen gestützt wird: Der Fifa-Chef habe schwarze Kassen im letztlich erfolgreichen Wahlkampf gefüllt. Der inzwischen gesperrte Schweizer dementiert.

2017 muss der DFB zudem wieder einen Außerordentlichen Bundestag ausrichten, denn der geplante Bau der neuen DFB-Akademie in Frankfurt wird teurer als geplant. Der bisherige Kostenrahmen von 109 Millionen Euro werde nicht ausreichen, sagte Grindel. Daher wolle man im Laufe des kommenden Jahres die DFB-Delegierten zu einer Vollversammlung einladen, um über die konkrete Umsetzung des umstrittenen Projekts abstimmen zu lassen. Derzeit läuft ein juristisches Verfahren gegen den bislang geplanten Bau auf der Galopprennbahn in Frankfurt. In der Akademie sollen alle sportlichen und logistischen Abläufe des Deutschen Fußball-Bundes zentralisiert werden.

Die oft schwierige Beziehung zwischen Amateur- und Profilager innerhalb des deutschen Fußballs wurde von den Funktionären beider Seiten bewusst nicht weiter belastet. Das Konfliktthema DFB-Pokal soll Anfang kommenden Jahres angegangen werden. Die Proficlubs wollen die Zeit vor der Saison lieber für lukrative Auslandsreisen nutzen, die Amateure direkt zum Auftakt schon die Chance auf die Traum-Auslosung gegen einen Top-Verein haben. DFB-Vize Rainer Koch kündigte an, dass die erste Runde zukünftig womöglich erst nach dem Bundesliga-Start gespielt werden könnte. Der neue Grundlagenvertrag mit der DFL bis 2023 wurde problemlos durchgewunken.

  • dpa
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