Die argentinische Pekermann Schule
„Julio, gib mir zehn Jahre “

Argentinien hat bei der diesjährigen WM den bislang komplettesten Fußball aller Teams gespielt. Schon jetzt gilt die von José Pekerman betreute Mannschaft als die perfekte Symbiose des argentinischen Fußballs der letzten drei Jahrzente. Viele Experten sehen daher in diesem Team den Weltmeister von 2006.

BUENOS AIRES. Es ist brütend heiß an diesem Sommertag in Buenos Aires. In der Metropole am Rio de la Plata scheint die Luft zu stehen. Oben, im fünften Stock des argentinischen Fußballverbandes AFA, in der "Calle Viamonte", im Schatten des Teatro Colon, sind die Fenster abgedunkelt. Julio Grondona, schwergewichtiger Präsident der AFA, empfängt in seinem Büro einen schmächtigen Mann, die Schläfen grau, die Augen melancholisch. Es ist Jugendauswahltrainer José Pekerman - und er braucht Dunkelheit, um seinen Plan auf Folien und Papier zu entwerfen. Es ist das Jahr 1994.

Zehn Jahre später, im September 2004 erinnert sich Grondona an den Vortrag - und ernennt Pekerman zum Chef der argentinischen Nationalmannschaft. Der inzwischen mit drei Junioren-Weltmeistertiteln dekorierte Übungsleiter hatte am Ende seiner Ausführungen in einem Satz zusammenfließen lassen, worauf seine Arbeit ausgerichtet ist: "Julio, gib mir zehn Jahre, dann sind meine Jungs reif für den Weltmeistertitel."

Seit dem 17. September 2004 sind knapp zwei Jahre vergangen. Und heute, im Viertelfinale gegen die Deutschen wird sich zeigen, ob Pekermans Plan aufgeht. Urs Siegenthaler, Chefscout der Deutschen, hat am Dienstag laut ausgesprochen, was bei dieser WM mittlerweile die Mehrheit denkt: "Wer dieses Spiel gewinnt, ist Favorit auf den WM-Titel." Und wer verliert? Diego Armando Maradona hat für Pekermans Fall bereits angekündigt: "Dann schneiden wir ihm den Kopf ab."

Noch nie zuvor war ein Nationaltrainer in Argentinien so sehr zum Siegen verdammt wie Pekerman. Ein einziges Spiel entscheidet, ob er Eingang findet in die Annalen oder nicht. Grotesker kann der Widerspruch eigentlich kaum sein. Nach Jahren der Agonie und Skandale, etwa als die argentinische U-20 1992 wegen wahrer Prügelorgien aus dem Turnier verbannt wurde, feierten argentinische Jugendauswahlmannschaften unter Pekerman eine beispiellose Wiederauferstehung. Sie gewannen die WM 1995 in Malaysia, 1997 in Katar und 2001 in der Heimat.

Mehr noch, Pekerman brachte die "albiceleste" souverän durch die WM-Qualifikation und demütigte dabei Brasilien im vorletzten Spiel mit 3:1. Alle WM-Experten urteilen, Argentinien spiele den komplettesten Fußball des Turniers. Und nun könnte mit einem Spiel alles vergessen sein. Fair ist das nicht. Aber was ist schon fair gewesen gegenüber Pekerman in den letzten beiden Jahren?

Bereits bei seiner Berufung in das Hochamt des argentinischen Fußballs hagelte es Häme und Kritik. Cesar Luis Menotti, Weltmeistertrainer von 1978, stänkerte "Wer ist Pekerman?", und wies auf den Umstand hin, dass der Sohn jüdischer Emigranten aus der Ukraine zwar Jugendliche zu trainieren vermag, aber keine Profis. "Wie soll er sich Respekt verschaffen?", schlug Maradona in die gleiche Kerbe.

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