Die Lehren der EM
Die Gründe für die Torflaute

Durch den stärkeren Defensiv-Fokus der Teams bei der EM änderte sich das Spiel nach Ansicht von Experten deutlich. Die Torarmut bei der EM in Frankreich hat also taktischen Gründe – und auch Konsequenzen.

ParisGrößerer Fokus auf Defensive, mehr Tore nach Standards und ein Ein-Stürmer-System – diese Trends identifizieren Experten in ihrer Analyse der EM in Frankreich als stilprägend für den modernen Fußball. So führte die Ausweitung des Kontinentalturniers auf 24 Teams nach Ansicht der Technischen Kommission für die EM zu einer größeren taktischen Varianz, aber auch geringerer Risikobereitschaft. „Viel Arbeit wurde in defensive Strukturen investiert“, erklärte der frühere Bundesliga-Trainer Thomas Schaaf als Mitglied des Technikteams bei der Euro. „Der Angriff basierte auf einer gesicherten defensiven Organisation. Die Teams standen kompakt und rückten schnell wieder auf ihre Verteidigungspositionen.“

Die Europäische Fußball-Union veröffentlichte am Dienstag den Technischen Bericht für die erste EM mit 24 Teilnehmern in diesem Sommer in Frankreich. Bei der Euro war der Schnitt von 2,45 Toren pro Partie 2012 auf 2,12 gesunken. „Das Turnier hatte viele Spiele zwischen Teams, die offen spielten und solchen, die mit angezogener Handbremse antraten“, heißt es im Report.

Die weiteren Trends

Konter: Wegen des höheren Fokus auf eine geordnete Defensive verlieren Konterangriffe an Effektivität. Fielen 2008 noch 46 Prozent der Tore aus dem Spiel heraus nach Kontern, waren es 2012 nur noch 23 Prozent. Diese Zahl bestätigte sich 2016 – zudem wurden Konter vor allem in der Schlussphase der Partien erfolgreich abgeschlossen, wenn das zurückliegende Team voll auf Angriff setzte: So zum Beispiel bei Bastian Schweinsteigers 2:0 in der Vorrunde gegen die Ukraine.

Stürmer: Der Trend zum Ein-Stürmer-System setzt sich fort. 18 der 24 Trainer vertrauten auf ein System mit nur einer Spitze. Und auch deren Aufgabe ändert sich. „Wir haben viele gute Angreifer gesehen. Aber sie arbeiten hart für das Team anstelle in einer traditionellen Rolle des 'eigensinnigen Stürmers' zu agieren“, stellt der Report fest.

Lange Bälle: Nicht nur bei Bundestrainer Joachim Löw galt der weite Pass aus der Abwehr heraus lange als verpönt. Doch durch den großen Defensivfokus vieler Teams ist dies wieder ein probates Mittel. Alle 24 Teams spielten mindestens zehn Prozent ihrer Pässe über lange Distanz – vor vier Jahren lag noch ein Drittel der Mannschaften unter dieser Marke. Nur drei Teams spielten weniger lange Bälle als Deutschland (12 Prozent).

Flanken: Auch Flanken erleben eine Renaissance. Die Zahl der Hereingaben von der Seite erhöhte sich von 26 pro Partie auf 41. Dabei lag das deutsche Team mit knapp 30 über dem Schnitt, allerdings kam nur jede fünfte Flanke beim eigenen Mitspieler an. Nur sechs Mannschaften hatten eine schlechtere Quote.

Standards: Tore nach ruhenden Bällen werden im modernen Fußball ebenfalls immer wichtiger. Die Zahl der Treffer nach Standards stieg von 21 (2012) auf 30 Prozent, zudem fielen gleich 19 der wichtigen ersten Tore eines Spiels auf diese Weise.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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