Dortmund gegen Monaco
Brisanz unter neuen Vorzeichen

Die abgesagte Partie zwischen Borussia Dortmund und dem AS Monaco wird am Mittwochabend nachgeholt. Ein Spiel unter solchen Umständen hat es noch nicht gegeben. Für den BVB eine schwierige Situation zur Unzeit.
  • 0

DortmundWenn Autofahrer kurz vor einem Spiel von Borussia Dortmund problemlos und ohne Verkehrsbehinderungen über die berühmt-berüchtigte B1 entlang des Stadions fahren können, dann stimmt in aller Regel etwas nicht. Wer am Mittwochnachmittag auf entspannten Verkehr im Dortmunder Stadtgebiet gehofft hatte, wurde schnell eines Besseren belehrt: Auf den Straßen lief es ähnlich zäh wie an einem „normalen“ Spieltag.

Die Begegnung zwischen dem BVB und dem AS Monaco am Mittwochabend als „normal“ zu bezeichnen, wäre allerdings verkehrt. Nach der Sprengstoffattacke auf den Dortmunder Mannschaftsbus und der logischen Spielabsage am Dienstag sind Stadt und Verein mehr denn je im Blickpunkt. Es sei die „vielleicht schwierigste Situation, die wir in den vergangenen Jahrzehnten hatten“, ließ Geschäftsführer Aki Watzke vor der Partie verlauten.

Sportlich und wirtschaftlich war es in der Vergangenheit häufig aussichtsloser – man erinnere sich nur an die Beinahe-Insolvenz vor zwölf Jahren. Doch Bedingungen, wie sie am heutigen Abend im Signal-Iduna-Park unter den Augen von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gelten, hat es im bezahlten deutschen Fußball noch nicht gegeben. Die lose und abstrakte Terrorgefahr bei populären Massenveranstaltungen ist konkreter denn je. Bei der Absage des Länderspiels vor 18 Monaten in Hannover war es glücklicherweise nicht zur Detonation eines Sprengsatzes gekommen. In Dortmund schon.

Dass die Profis in nur 23 Stunden alle Ereignisse verarbeitet haben, darf daher bezweifelt werden. Profis hin oder her – am Ende des Tages sind Schmelzer, Aubameyang und Co. auch nur Menschen. Dass heute Abend in Dortmund gekickt wird, erscheint deshalb aus vielerlei Hinsicht fragwürdig. Fakt ist aber auch: Im millionenschweren und eng getakteten Rahmenspielplan der Uefa gibt es keine Alternative.

Das Duell zwischen dem BVB und den Gästen aus dem Fürstentum bleibt auch sportlich höchst interessant. Für den BVB geht es im Heimspiel darum, eine möglichst gute Ausgangsposition für das Rückspiel in sieben Tagen zu erreichen. Ein Viertelfinale in der Champions League wurde in Dortmund zuletzt vor drei Jahren gespielt. Damals war Real Madrid zu Gast. Der BVB scheiterte denkbar knapp.

Ein Einzug in die Runde der letzten Vier wäre allen voran finanziell höchst lukrativ. Sportlich scheinen Dortmund und Monaco derzeit auf Augenhöhe – ob das aber auch unter diesen besonderen Umständen gilt? Endet die diesjährige Reise in der Champions League vorzeitig, dürften Fans und Verantwortliche Verständnis zeigen. Gleichwohl wäre das Aus mit einem herben Dämpfer in der wichtigsten Phase der Saison verbunden.

In der Bundesliga hängt die Borussia aufgrund ihrer chronischen Auswärtsschwäche den Ansprüchen hinterher. Die erneute Qualifikation für die Champions League auf direktem Wege erscheint zwar möglich, ist aber alles andere als sicher. Nach dem Spiel am Mittwoch erwartet der BVB am Karsamstag Eintracht Frankfurt in der Bundesliga, ehe am Dienstag das Rückspiel in Monte Carlo steigt.

Am folgenden Samstag dann steht ein schwieriges Auswärtsspiel bei Borussia Mönchengladbach an, anschließend kommt es unter der Woche zum erneuten Showdown bei Bayern München, dann im Halbfinale des DFB-Pokals. Als wäre der Sprengstoffanschlag nicht schon abscheulich genug – der miserable Zeitpunkt tut sportlich gesehen sein Übriges dazu. Das Event Champions League jedoch muss weitergehen, so ist das Geschäft. Deshalb erscheint es fast paradox, dass das erste Viertelfinal-Duell unter den bekannten Umständen richtungsweisend ist.

Sollte die Mannschaft eine Trotzreaktion zeigen und die Begegnung gewinnen, hätte sie den wohl schwierigsten Charaktertest bravurös bestanden. Der umstrittene Trainer Thomas Tuchel, Geschäftsführer Watzke und Präsident Reinhard Rauball hätten famose Arbeit geleistet. Watzke selbst sprach noch am Mittwoch zur Mannschaft, die sich früh morgens am Trainingsgelände zu einer leichten, nicht-öffentlichen Einheit versammelt hatte.

Am eher tristen, weil abgelegenen Trainingsgelände im Stadtteil Brackel im Dortmunder Norden herrschte den Tag über reges Medieninteresse – und höchste Sicherheitsvorkehrungen. Die Polizei war mit einer Vielzahl an Beamten vor Ort. Der Explosionsort im gutbürgerlichen Stadtteil Höchsten im Südosten war auch am Mittwoch noch weitläufig abgesperrt. Schwer bewaffnete Kräfte sicherten die Straße vor dem Hotel. Unmittelbar nachdem der Bus vom Parkplatz gefahren war, explodierten hier die in einem Gebüsch versteckten Sprengsätze.

Auch am Stadion zeigte die Polizei höchste Präsenz – auch hier schwer bewaffnet, mit stoischen Mienen. Das war nicht anders zu erwarten – deshalb fallen die Sicherheitskräfte am Stadionvorplatz an der Strobelallee kaum auf. Die Dortmunder Polizei sei komplett auf den Beinen, versicherte Sprecher Gunnar Wortmann. Aufgebote dieser Art kennt man in Dortmund eigentlich nur vom Revierderby gegen Schalke. Auch Sprengstoffhunde sind massiv im Einsatz: Ein paar seien regelmäßig vor Ort, heute sei es „noch eine Vielzahl mehr“, so Wortmann. Einer von ihnen etwa schnüffelt zweieinhalb Stunden vor Anpfiff in den Büschen des Stadionbahnhofes hochmotiviert nach verdächtigen Gegenständen.

„Alles Menschenmögliche“ werde man tun, um die Sicherheit der Fans zu garantieren, hatte Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange noch betont. Für die gesamte Zukunft bleibt nur zu hoffen, dass das ausreicht.

Leonidas Exuzidis
Leonidas Exuzidis
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

Kommentare zu " Dortmund gegen Monaco: Brisanz unter neuen Vorzeichen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%