Duo Netzer/Delling
Abschied auf Raten

Das ewige Kritiker-Duo Gerhard Delling und Günter Netzer tritt nach der Fußballeuropameisterschaft 2008 ab. Der NDR-Sportchef Delling würde ganz gerne ins ernstere Fach wechseln - doch zum Missfallen von Netzer haben ihm die ARD-Granden zunächst einen Anderen vorgezogen.

HAMBURG. Die so genannte Lichtgestalt des deutschen Fußballs hat mal Weisheit auf eine Art intoniert, die offiziell als Gesang zu bezeichnen, schon eine gehörige Portion euphemistisches Geschick erfordert. „Gute Freunde kann niemand trennen“, knödelte Franz Beckenbauer 1966. Und wie so vieles, was der Kaiser von sich gibt, wenn sich die Auftritte dehnen, ist auch diese Aussage streng zu hinterfragen.

Erst recht, da zwei Freunde genau das tun wollen, was doch angeblich niemand kann: Gerhard Delling und Günter Netzer trennen sich.

Nach der Fußballeuropameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz wollen sie nicht länger fürs Erste Spielverläufe analysieren. Das hat Delling der „Sport Bild“ anvertraut. „Ich brauche mehr Zeit für meine Familie und die körperliche Ertüchtigung“, hat der 47-jährige Sportchef des NDR gesagt. Er wolle in Sachen Sportberichterstattung kürzer treten und neue Aufgaben suchen. Netzers Vertrag mit der ARD laufe ohnehin im Sommer 2008 aus.

Dass die beiden sich trennen, will man bei der ARD allerdings nicht als Reaktion auf die Kritik verstanden wissen, die bei der WM über das Duo hereinprasselte. Da wurden sie als beamtete Griesgrame gescholten, die versteinert seien beim Versuch, den Ruhm der frühen Tage zu konservieren. Als Glücksfall wurde gar gewertet, dass die beiden am Tag des deutsch-italienischen Halbfinales nicht im Dienst waren. Nicht auszudenken, hätte man die Zuschauer in einem solchen Moment Delling und Netzer überantwortet. Eine kollektive Dauerdepression wäre wohl die zwingende Folge gewesen.

Die Entscheidung Dellings kann man daher als großen Akt der Einsicht und als kluge Taktik werten. Weil nun 2008 der letzte Auftritt der beiden droht, wird niemand mehr mäkeln. Alle werden zurückblicken auf jene Tage der goldenen zwei, da sie für Frische im TV-Tümpel standen.

Es war 1998 bei der Weltmeisterschaft in Frankreich, als sich der alerte Sportreporter mit dem Filialleitercharme und der grummelige Ex-Fußballer erstmals an ein neues Konzept ketteten. Plötzlich wurde nicht mehr zwangsgeduzt, stattdessen beherrschte vornehmes Sie die Debatte zwischen zweien, die sich nach Kräften mühten, keine allzu große Harmonie aufkommen zu lassen. Immer wieder hielt Delling seinem Partner verkalkte Ansichten vor, woraufhin dieser ihm allen Fußballverstand absprach. Daraufhin erinnerte Delling gerne daran, dass Netzer als Spieler bei Borussia Mönchengladbach und in der Nationalmannschaft oft den heutzutage von ihm kritisierten Standfußball bevorzugt habe. Sie umtänzelten einander verbal, schossen scharf – und wurden Freunde dabei.

Für eine Zeit zählten sie zur Elite der deutschen Sportberichterstatter. Und weil fernsehende Fußballfans gewöhnt sind, sich mit wenig zufrieden zu geben, lobten sie die neuen Lieblinge in den Himmel, wo es Auszeichnungen nur so hagelt. Im Jahr 2000 erhielten sie sogar den Grimme-Preis.

Als es jetzt aber zur dritten WM der beiden kam, wurden schon im Vorfeld die Stimmen lauter, die bemängelten, dass deren Lorbeer inzwischen arg vertrocknet wirke. Zudem wurde kritisch gesehen, dass Günter Netzer fürs Erste jene Spiele beurteilte, deren Übertragungsrechte er als professioneller Zwischenhändler mit erklecklichem Aufschlag vorher vom Weltfußballverband Fifa an die ARD weitergereicht hatte.

Was Netzer nun tun wird, ist offen. Delling möchte offenbar ganz ins unterhaltende Gesprächsgewerbe wechseln. Zu gerne hätte er Ulrich Wickert als „Tagesthemen“-Moderator abgelöst. Doch die ARD-Chefs haben den US-Korrespondenten Tom Buhrow ausgeguckt.

Man kann sich vorstellen, wie sein Freund Günter das kommentiert haben mag. „Mir völlig unverständlich“, wird er gemurrt haben. „Eine absolute Fehlentscheidung.“

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