Ein System, das keine Zweifel kennen darf
Der „Jürgen-Klinsmann-Weg“

Vor dem Spiel gegen Argentinien beschwört Bundestrainer Jürgen Klinsmann noch einmal die neu gewonnene Zuversicht der deutschen Nationalelf.

BERLIN. Je näher eine Fußball-Weltmeisterschaft ihrer entscheidenden Phase zutreibt, desto größer wird die allgemeine Neigung zur Flucht ins Übersinnliche. Jürgen Klinsmann, der Trainer der deutschen Nationalmannschaft, ist am Tag vor dem Viertelfinale gegen Argentinien von einem argentinischen Journalisten gefragt worden, welche der beiden Mannschaften denn nun im Vorteil sei: die Deutschen, die den Papst in der Tasche haben, oder Argentinien, das von Gott höchstpersönlich angefeuert werde. Gott trägt bei dieser WM ein blauweißes Trikot und hört auf den bürgerlichen Namen Diego Armando Maradona. Jürgen Klinsmann ist auf diese Frage nicht näher eingegangen. Während sich das Land langsam seiner Höchstdrehzahl nähert, scheint der Bundestrainer immer stärker in sich selbst zu ruhen. Er strahlt jetzt eine vollkommen weltliche Ruhe aus, eine Ruhe, die aus einer inneren Überzeugung erwachsen ist.

"Wir wissen, wir müssen an unsere Grenzen gehen", sagt Klinsmann vor dem Viertelfinale gegen Argentinien. "Wir sind dazu bereit." In Wirklichkeit aber ist das ganze Projekt Titel 2006 ein einziges großes Klinsmann-Spiel gewesen. Niemand hat ihn richtig ernst genommen, als er im Juli 2004 davon sprach, er wolle Weltmeister werden. Jetzt ist er nur noch drei Spiele von diesem Ziel entfernt. "Wenn jemand mit dem Viertelfinale zufrieden ist, ich bin es nicht", sagt Klinsmann, "und die Mannschaft ist es auch nicht."

Das Viertelfinale gegen Argentinien wird vermutlich die schwierigste aller Prüfungen werden, die bei diesem Turnier noch kommen kann, unabhängig davon, dass den Deutschen auch noch Italiener und Brasilianer begegnen könnten. Die Argentinier haben von allen 32 WM-Teilnehmern den besten Eindruck hinterlassen; Joachim Löw, Klinsmanns Assistent, hält sie für stärker noch als Brasilien, den amtierenden Weltmeister. Javier Saviola, der Stürmer der Argentinier, sagt, die Chancen, dass seine Mannschaft gewinne, lägen bei 60:40. "Das sehe ich genauso", hat Michael Ballack darauf erwidert. "Nur umgekehrt."

Die Deutschen haben die Welt bei diesem Turnier schon einmal überrascht: mit der geradezu undeutschen spielerischen Leichtigkeit, mit der sie ins Viertelfinale gerauscht sind. Und jetzt überraschen sie das Publikum mit ihrer Zuversicht, den großen Favoriten Argentinien besiegen zu können. Ist das noch die Mannschaft, die vor vier Monaten 1:4 gegen Italien verloren hat und die vor vier Wochen nur mit größter Mühe eine Niederlage gegen Japan zu verhindern wusste? Ja und nein. Es sind dieselben Spieler, aber es ist eine andere Mannschaft.

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