Enke-Trauerfeier
„Die Welt ist nicht im Lot“

Etwa 40 000 Menschen haben am Sonntag bei einer Trauerfeier Abschied von Nationaltorwart Robert Enke genommen. Auch die komplette deutsche Nationalmannschaft, Vertreter zahlreicher Fußball-Verbände, Bundesligisten sowie ausländischer Vereine und Spieler nahmen an einer der größten öffentlichen Trauerfeiern seit 42 Jahren teil. Und viele schämten sich ihrer Tränen nicht.
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HB HANNOVER. Vor Beginn der Trauerfeier ist es lange sehr still in dem großen Rund des Stadions. Die Menschen strömen schweigend zu den Sitzen, viele sind schwarz gekleidet, tragen Schals der Mannschaft, Fahnen und Trikots. Dann betritt die Witwe Teresa Enke das Spielfeld, schreitet umarmt von einer Freundin über den Rasen zum Mittelkreis, wo der Sarg ihres verstorbenen Mannes steht. Die Menschen im Stadion erheben sich und beginnen sanft zu applaudieren. Etwas später kommen auch die Spieler der deutschen Nationalmannschaft auf den Rasen. Im schwarzen Anzug treten sie an den Sarg von Robert Enke und erweisen ihm die letzte Ehre. Zu den Gästen gehört auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

Als eine Schülerin das Vereinslied von Hannover 96 "Alte Liebe" singt, wischen sich Tausende still die Tränen aus den Augen. Die Menschen im Stadion von Hannover 96 stehen schweigend auf den Rängen und schauen hinunter auf den Sarg des verstorbenen Nationaltorwarts Robert Enke. Im Mittelkreis des Spielfelds liegen weiße Blumen, Kränze und Trauerflore der anderen Bundesligavereine. Am Rand sitzen die Trauergemeinde, darunter die Witwe Teresa Enke, Angehörige und Freunde des Spielers.

Nach einem Streichquartett der Musikhochschule Hannover hält Pfarrer Heinrich Plochg in der AWD-Arena eine kurze Ansprache. Martin Kind, Vereinspräsident von Hannover 96 würdigt Enke für seine sportlichen Leistungen und hebt zudem besonders die menschlichen Qualitäten des Torhüters hervor, der am Dienstagabend Selbstmord begangen hatte.

DFB-Präsident Theo Zwanziger appelliert in seiner Rede an die Menschlichkeit und den Blick über den Sport hinaus. "Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche", sagt Zwanziger. Alle seien aufgerufen, nach der Trauer das Leben in Maß und Balance mit Fairplay und Respekt zu gestalten. Enke hatte jahrelang an schweren Depressionen gelitten, die er vor der Öffentlichkeit geheim gehalten hatte. Am vergangenen Dienstag warf sich der 32-Jährige vor einen Zug.

Der Sarg Enkes ist im Mittelkreis des Stadions aufgebahrt. DFB-Kapitän Michael Ballack und Per Mertesacker legen eine Kranz nieder. Alle Nationalspieler verneigen sich am Sarg, der im Anschluss an die Trauerfeier im Familienkreis beigesetzt werden soll.

Als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff das Wort ergreift, fordert er ein Umdenken in der Gesellschaft als Konsequenz aus dem Selbstmord Enkes. "Die Welt ist nicht im Lot", sagt der CDU-Politiker. Nicht nur im Leistungssport, sondern auch in anderen Berufen sei der Leistungsdruck extrem. Und wer nicht funktioniere, werde schnell zum Versager abgestempelt.

"Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften", sagt Wulff, der Enke als großartigen Menschen und überragenden Sportler würdigt. Er sei zugleich ein stiller, bescheidener und zurückgenommener Star gewesen - "ein Mensch kleiner Gesten, der einen Kreis um sich zog, der besonders war".

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  • ich freue mich, Menschen zu finden, die meine Meinung teilen. Meine Wut ist gross, mir fehlen die Worte.
    Da wirft sich ein kranker Mensch vor den Zug. Er war nett. Er war ein guter Sportler. Und was rechtfertigt das diesen Medienrummel? Trauerflor an Hannovers Polizeifahrzeugen? Absagen von öffentlichen Veranstaltungen?
    Er war feige. Er hat seine Familie und enge Freunde wegen seiner Versagensangst zum Schweigen "verdammt". Jetzt darf seine Frau die Wahrheit sagen. Arme Teresa. Wie sehr musst du gelitten haben. Alle die sich jetzt fragen ob sie nicht hätten helfen können werden wegen seiner Versagensangst Selbstzweifel an ihrer Wahrnehmung haben. Das ist ein filmreifes Schauspiel. Und die Medienplattform springt auf den Teaser an.
    Feige, weil er nicht fähig war, sich alleine umzubringen. Stattdessen das Leben eines Zugführer mit zu beeinträchtigen.
    Weder trauert hier "eine ganze Stadt", noch ein ganzes Land.
    Armes Deutschland.

  • Ein sehr guter bericht. Meiner Meinung nach fehlt nur ein wenig, daß die Meinungen, die Welt ist nicht im Lot, und der Leistungsdruck ist zu stark, an fast allen Tagen als "sozialromantisches Geschwätz" von "Gutmenschen" (überhaupt das Modewort dieser Jahre, ein grauenhaft dummes Wort) gilt.
    Lesen Sie etwa noch einmal die FAZ vom 12.Oktober. Auf der Sportseite lobte Michael ballack direkt nach der gelungenen WM-Qualifikations-Spiels gegen Russland, das Robert Enke wegen seines Magenvirus nicht mitspielen konnte, überschwenglich Enkes Konkurrenten Adler. Und zwar so, als wäre schon entschieden, dass Adler vor Enke die Nummer eins sei. All das hat den beigeschmack überehrgeiziger Leute, die keine Sekunde daran denken, was sie in einem andern Fußballer, der wie Robert Enke krank war und sich dem Konkurrenzkampf der 4 Keeper (Adler, Wiese, Neuer) gar nicht stellen konnte, anrichten. Das ist nur ein beispiel aus tausenden, und es ist auch nicht verboten, wenn ballack dachte, Adler wäre besser als Enke. Aber es ist auch nicht unbedingt fair, und es nützt dann noch weniger, wenn hernach alle kurz sagen, die Welt "ist nicht im Lot", und bald schon geht es wieder in den wahnwitzigen Ehrgeizkrampf, und es scheint, als ginge die Welt unter, wenn Deutschland nicht Weltmeister würde.
    Das nur als kleine Ergänzung zu einem hervorragenden, selten gelungenen Artikel, der Robert Enke sicher freuen würde, wie mir scheint.

  • es war eine bewegende und würdevolle trauerfeier.ich hoffe,das die menschen aus dieser tragödie lernen.das,wenn ein fussballspiel oder ein spieler nicht die erwartungen der medien und zuschauer erfüllt,in übelster weise beschimpft wird.

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