Erinnerungen an Deutschland - Italien in Mexiko 1970
Das Jahrhundertspiel

Kein Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist so oft im Fernsehen gezeigt worden wie das "Spiel des Jahrhunderts", Deutschland gegen Italien in Mexiko, das Halbfinale der Weltmeisterschaft 1970. Fernsehreporter Ernst Huberty erinnert sich.

KÖLN Das konnte ich nicht ahnen, als ich am Morgen des 17. Juni im Fernseh-Studio saß. Ich hatte erst noch eine Vorschau-Sendung zu moderieren. Es war 9 Uhr 45. Der Tag schien glühend heiß zu werden. Das Thermometer zeigte schon 30 Grad. Das Studio war altersschwach. Der Schreibtisch vor mir wackelte, meinem Stuhl fehlte ein Bein. Ein Stoß aufgestapelter Bücher hielt ihn im Gleichgewicht. Die Maskenbildnerin kam zu mir mit einem großen Eimer voller Farbe. Sie strich mich an wie eine Litfaßsäule. Mir war alles egal. Nur schnell weg. Ich hatte das Spiel im Kopf. Sonst nichts.

Der Taxifahrer gab Gas. An der nächsten Ecke krachte es. Der Crashpartner war eine junge Frau in einem uralten Gefährt. Ich wäre fast durch die Scheibe geflogen, immer noch geschminkt wie in einem schlechten Hollywood-Film. Verkehrsunfälle sind Alltag in Mexiko-City. Keine Polizei. Ein paar Flüche. Wie die sich geeinigt haben, ist mir heute noch schleierhaft.

Das Stadion lag da in voller Sonne. Atemberaubend schön. Ich fand meinen Platz neben den brasilianischen Kommentatoren. Sie begannen schon lange vor dem Anstoß, live nach Brasilien zu übertragen. Das taten sie sonst nur, wenn ihr Team spielte. Sie waren im Fußball-Fieber wie ganz Brasilien. Wer würde der Finalgegner ihrer Mannschaft sein - Deutschland oder Italien?

Drei Mann sprachen fast gleichzeitig. Einer riss dem anderen das Mikrofon aus der Hand. Sie schrien, als wollten sie mit ihren Stimmen direkt in der Heimat ankommen. Ich verschwand schnell noch mal und ließ mir vom Roten Kreuz Watte geben. Damit stopfte ich mir die Ohren zu.

In Deutschland stieg die Fieberkurve genauso hoch. Ich erhielt kurz vor Spielbeginn einen Anruf: "Die Straßen sind leer. Alle wollen das Spiel sehen!" Das wunderte mich nicht. Die meisten hatten drei Tage vorher Deutschland - England im Fernsehen live miterleben können. Als die Engländer bei Halbzeit 2:0 führten, ließen ihre Anhänger im Stadion zu Leon schon mal die Queen hochleben. Zu früh. Franz Beckenbauer hatte etwas dagegen, Uwe Seeler machte ein Sensations-Tor mit dem Hinterkopf. Das Siegtor schoss Gerd Müller in der Verlängerung. 120 Minuten bis zur totalen Erschöpfung. Berti Vogts sagte zu mir: "Jetzt möchte ich schlafen und im Azteken-Stadion wieder aufwachen ..."

Leon war schon brutal, aber der Hitzekessel in Mexiko-City noch brutaler. 50 Grad sollten es unten sein, 50 Grad, du lieber Himmel. Ich saß ganz oben, hatte einen Blick wie aus dem Hubschrauber. Das Spiel lief senkrecht unter mir. Die Spieler sahen aus wie Schachfiguren, die sich von Zauberhand verschoben. Beckenbauer hatte vorher noch geunkt: "Nur kein frühes Tor fangen, dann lassen uns die Italiener gegen eine Betonmauer laufen!" Und das mit 120 Minuten vom Englandspiel in den Knochen. Nach acht Minuten stand es 1:0 für Italien ...

In der Pause schob mir ein brasilianischer Kollege einen Zettel rüber: "Wir wünschen, dass Deutschland ins Endspiel kommt!" Danke. Aber Schiedsrichter Yamazaki, ein in Peru geborener Japaner, hatte einiges dagegen. Ein klares, elfmeterreifes Foul der Italiener verlegte er außerhalb des Strafraums, Spielverzögerungen, offene und versteckte Fouls ignorierte er.

89. Minute, immer noch 1:0 für die Italiener. Ich musste an meinen Kollegen Rudi Michel denken. "Mehr als ein Tor fällt nicht", hatte er mir prophezeit. "Verdammt, er hat Recht!" Schon die 90. Minute, Schnellinger hält den Fuß hin. 1:1! "Ausgerechnet Schnellinger!" Er spielte in der italienischen Liga für den AC Mailand. "Ausgerechnet Schnellinger!" Das war mein Kommentar dazu. Das genügte. Ich sah im Geist die Fans zu Hause auf den Tischen tanzen. Also hielt ich den Mund.

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