Erzwungener Wechsel
Draxler demontiert sich selbst

Julian Draxler versucht sich mit vereinsschädigendem Verhalten aus dem Vertrag beim VfL Wolfsburg zu pressen. Damit ruiniert er vor allem sich selbst. Der Verein täte gut daran, ein Exempel zu statuieren. Ein Kommentar.

DüsseldorfEigentlich hätte der VfL Wolfsburg kurz vor der neuen Bundesliga-Saison allen Grund zur Freude gehabt. Zwar hat der Klub in André Schürrle einen Nationalspieler an den Ligakonkurrenten Dortmund abgeben müssen. Im Gegenzug kam allerdings Jakub Blaszczykowski, die Transfers von Yannick Gerhardt, Daniel Didavi und Jeffrey Bruma waren schon vorab klar. Und Julian Draxler ist ja ohnehin an Bord.

Letztere Annahme erweist sich nun als falsch. Naiv kann man sie nicht nennen, schließlich ist der 22-Jährige erst seit ziemlich genau einem Jahr im Team und hat einen bis 2020 gültigen Arbeitsvertrag. Doch Draxler will weg. Das hat er, nach eigenem Bekunden, auch seinem Verein mitgeteilt. Vor Wochen schon. Man rede nur über die Medien mit ihm, erklärte der Mittelfeldstar in einem Interview mit der „Bild“, „jetzt möchte ich auch dazu was sagen“.

Draxler erreicht damit eine neue Eskalationsstufe im Machtkampf zwischen Fußballspieler und Klubs. „Wortbruch“ wirft er VfL-Manager Klaus Allofs und Trainer Dieter Hecking vor. „Mir wurde bei meinem Wechsel im August 2015 mündlich zugesichert, dass ich den Verein verlassen kann, wenn sich dazu Möglichkeiten ergeben“, zitiert die Zeitung den Nationalspieler.

Draxler plaudert munter Interna aus Vertragsverhandlungen aus, das Interview selbst liest sich wie eine gut vorbereitete Presseerklärung, bei der den fragenden Journalisten die Rolle des Stichwortgebers zukommt. Auffällig sind vor allem drei Dinge: Draxler nimmt eine Opferrolle ein, die persönliche Integrität seiner direkten Vorgesetzten wird angegriffen und es wird durch eine Suggestivfrage überbetont, dass Draxlers Berater nichts mit den Wechselabsichten zu tun habe.

Neu ist an dem öffentlichen Geschachere auf den ersten Blick nichts. Dass Fußballer fast nur noch von einem Kommunikationsberater geglättete Aussagen weitergeben ist genauso üblich, wie die Verhandlungstaktik, sich durch provokante, aber nicht beleidigende Aussagen bei seinem derzeitigen Arbeitgeber untragbar zu machen. Doch die Tatsache, dass sich diese Art des, nennen wir es, Vertragspokers etabliert hat, macht ihn nicht besser. Im Gegenteil.

Es ehrt den Spieler Draxler, dass er die Verantwortung für den Schritt, seinen Arbeitgeber öffentlich zu diskreditieren, selbst übernimmt. Schlecht beraten ist er damit dennoch. Sowohl von seinem Kommunikationsteam als auch von seinem Spielerberater Roger Wittmann und dessen Agentur Rogon. Zumal sich die Sinnhaftigkeit der plötzlichen Revolte durch die aktuellen Aussagen Außenstehenden nicht erschließt. Der Verein erklärte, es lägen keine konkreten Anfragen für den Spieler Draxler vor. Der junge Mann verdient gut, spielt viel und wird mit Wolfsburg mittelfristig auch wieder international spielen. Angeblich sollen sich Arsenal London und Juventus Turin um die Dienste des Profis bemühen. Klar ist bisher aber nur: Draxler will weg aus Wolfsburg.

Der pressierende Wunsch, aus seinem laufenden Vertrag auszusteigen, ist eine schallende Ohrfeige für den Werksklub Wolfsburg. Das ambitionierte Projekt von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, den niedersächsischen Provinzklub als Werbevehikel in der Champions League zu etablieren, erleidet immer wieder Rückschläge. Zuletzt war es die Dieselaffäre beim Mutterkonzern Volkswagen, nach der Kürzungen des Budgets drohten. Diese Misere hat der VfL gelöst, indem er sich, so wie die TSG Hoffenheim, vom Geldgeber gelöst hat. Der Klub erwirtschaftet Transferüberschüsse, die er reinvestiert. Von den 74 Millionen Euro für Kevin de Bruyne etwa wanderten 34 Millionen Euro in die Verpflichtung von Julian Draxler.

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Draxler demontiert sich selbst

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Draxler zerstört seine Marke

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