Euro 2008
Ballack rechnet mit Österreich ab

Ein Schuss, ein Tor - und eine deutliche Geste: Der Gewaltschuss, mit dem der Michael Ballack Österreich aus dem Turnier katapultierte, genügte dem deutschen Kapitän nicht. Beim Jubel nach seinem 121 Stundenkilometer schnellen Freistoß-Kracher legte Ballack im Wiener Endspiel-Stadion demonstrativ den Zeigefinger zweimal auf die Lippen - es war ein bewusstes Handzeichen an das Gastgeber-Publikum, das er unbedingt zum Schweigen bringen wollte.

HB WIEN. "Es ist viel gesprochen worden vor diesem Spiel", erläuterte der zum "Mann des Spiels" gewählte Ballack nach dem deutschen 1:0-Sieg und machte am Montagabend vor der versammelten internationalen Presse aus seiner Genugtuung keinen Hehl: "Die Österreicher haben den Mund sehr voll genommen, und es ist immer schwer, vor dem Spiel zu reagieren. Man hat teilweise gedacht, sie waren schon dreimal Weltmeister und wir haben noch nie einen Ball getroffen", lästerte der 31-Jährige über die Nummer 92 der Fußball-Weltrangliste.

Jürgen Macho konnte dem Ball, der oben in seinem Torwart-Eck einschlug, nur hilflos hinterherschauen. Österreichs Trainer Josef Hickersberger sprach seinen Schlussmann von Schuld frei: "Das Tor war sensationell, Weltklasse. Kein Sonntagsschuss, ein Montagsschuss." Sein 37. Länderspiel-Tor, mit dem Ballack in der ewigen DFB - Torschützenliste mit Oliver Bierhoff auf Position acht gleichzog, war auch ein Akt der persönlichen Befreiung. Denn es war das erste deutliche Ausrufezeichen des torgefährlichen Mittelfeldspielers bei der Europameisterschaft, die ihm endlich den heißersehnten ersten internationalen Titel bescheren soll. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die Mannschaft einen Schub bekommen wird", äußerte Ballack mit dem Blick auf das Viertelfinale am Donnerstag in Basel.

Das K.o.-Spiel gegen Portugal steht für ihn unter besonderen Vorzeichen: Er kann seinem künftigen Trainer beim FC Chelsea, Luiz Felipe Scolari (59), den triumphalen Abschied als Nationalcoach Portugals vermiesen. "Das wird ein schönes Wiedersehen, wir haben ja schon bei der WM um Platz drei gegeneinander gespielt", erinnerte Ballack an den 3:1-Sieg des deutschen Teams im kleinen Finale 2006.

In den Abwehrspielern Ricardo Carvalho und Paulo Ferreira werden ihm gleich zwei Vereinskollegen gegenüberstehen. Aber überstrahlt wird alles vom erneuten Giganten-Duell mit Ausnahmekönner Cristiano Ronaldo, der ihm in dieser Spielzeit mit Manchester United schon die englische Meisterschaft und die Champions-League-Krone wegschnappte. "Er hat eine Riesen-Saison hinter sich in England. Das verspricht ein gutes Spiel zu werden", kommentierte Ballack voller Vorfreude.

In der Galaform der letzten Saisonwochen mit Chelsea präsentiert sich der deutsche Dirigent beim EM-Turnier nicht mehr. Ballack rackert zwar, er marschiert und reibt sich auf in Zweikämpfen, aber den Taktstock hält er nicht in der Hand. Spielerisch hakt es. Aber er glaubt an sich und an sein Team, an die Willenskraft und die deutsche Turnier-Mentalität. "Es erwartet uns eine ganz, ganz schwere Aufgabe", sagte er vor dem nächsten "Endspiel" gegen die starken Portugiesen. Aus der plötzlichen Außenseiter-Rolle könne man auch hervorragend attackieren: "Vielleicht kommt uns die entgegen."

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