Ex-Schalke-Mannschaftsarzt im Interview: „Die Spieler tun mir leid“

Ex-Schalke-Mannschaftsarzt im Interview
„Die Spieler tun mir leid“

Ohne Schmerzmittel geht im Profi-Fußball nichts mehr. Spritzen sind in der Bundesliga an der Tagesordnung. Und Doping? Darüber sprechen wir mit Thorsten Rarreck, bis vor kurzem Mannschaftsarzt von Schalke 04.
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Mehr als zehn Jahre lang war Thorsten Rarreck der Vereinsarzt des Fußball-Bundesligisten Schalke 04. Bis Oktober. Dann kam mit Roberto di Matteo ein neuer Trainer, der auf ein neues Ärzteteam setzte. Seitdem konzentriert sich Rarreck voll auf seine Praxis in Gelsenkirchen. Wir sprechen mit ihm über Medikamente und Schmerzmittel im Fußball.

Bei der Weltmeisterschaft standen Lahm, Schweinsteiger und Neuer auf dem Platz. Die waren kurz vorher noch schwer verletzt. Verlief die Genesung nicht erstaunlich schnell?
Bei Manuel und Philipp kannte ich die Diagnosen. Mir war klar: Das ist zu schaffen. Hinzu kommt, dass die beiden gewohnt sind, mit Schmerzen umzugehen.

Welche Rolle spielt der Einsatz von Schmerzmitteln?
Die spielen sicherlich eine Rolle. Man kann viel darüber spekulieren, ob ein Einsatz ohne Schmerzmittel möglich gewesen wäre.

Wie verbreitet ist der Einsatz von Schmerzmitteln im Profi-Fußball?
Das hat stark zugenommen in den letzten Jahren. Es gibt Zahlen, wonach mehr als zwei Drittel der Sportler regelmäßig Schmerzmittel einnehmen, um trainieren und spielen zu können.

Kann man Leistungssport überhaupt ohne solche Mittel ausüben?
Wenn ich mir die Zahlen ansehe, muss ich sagen: offensichtlich nicht.

Über welche Mittel reden wir?
Ich spreche von nicht-steroidalen Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac. Die müssen nicht mal im Voraus angegeben werden. Nur wenn bei Dopingtests nachgefragt wird, müssen sie genannt werden. Dann heißt es zum Beispiel: Schwere Prellung, drei Tage Ibuprofen, je drei mal 800 Milligramm. Das ist erlaubt – aber bedenklich.

Können Sie das als Arzt noch verantworten?
Da muss jeder für sich die Grenze setzen. Für mich ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Sportmediziner für einen Bundesliga-Klub zu sein, hat sicherlich nichts mit Naturheilkunde zu tun. Wer da was anderes behauptet, der kennt die Szene einfach nicht.

Sie waren in dieser Szene lange dabei.
In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Das Herz des klassischen Schulmediziners sagt: Es hilft doch nichts. Rein damit, sonst kann der nicht spielen. Der Naturkundler in mir sagt: Es ist ja unglaublich, was hier passiert! Stellen Sie sich vor, Sie hauen sich immer wieder mit einem Hammer auf den Finger. Aber Sie hören nicht damit auf, sondern nehmen ein Schmerzmittel, damit es nicht mehr weh tut. Das ist nicht nur absurd, sondern auch gefährlich.

Wo liegen die Gefahren?
Statt die Selbstheilungskräfte des Körpers zu fördern, werden sie unterdrückt. Außerdem greifen diese Mittel alle möglichen Organsysteme an – Niere, Leber, Magen, Herz- und Kreislaufsystem. All das muss regelmäßig und ausreichend überwacht werden.

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