Experten: WM-Euphorie war übertrieben Lattek und Hitzfeld gehen mit Bundesliga hart ins Gericht

Die beiden erfolgreichsten deutschen Trainer Ottmar Hitzfeld und Udo Lattek gehen mit dem deutschen Fußball hart ins Gericht. Lattek etwa sieht einen Grund der Misere der Bundesliga in der mangelnden Klasse deutscher Spieler. Was sie sonst über die Defizite in der Bundesliga und deren Stellenwert in Europa sagen und warum ihrer Ansicht nach die WM-Euphorie übertrieben ist.
  • Die Fragen stellte Thilo Komma-Pöllath
Ottmar Hitzfeld Foto: dpa

Ottmar Hitzfeld Foto: dpa

Herr Hitzfeld, die Bundesliga hat im europäischen Geschäft in dieser Saison wieder viele Rückschläge erlitten. Woran liegt es?

Hitzfeld: Die Bundesliga gehört nicht mehr zur absoluten Spitze in Europa. Nur ein Beispiel: Ich habe vergangenen Sonntag Chelsea gegen Arsenal gesehen, da liegen Welten dazwischen zum deutschen Fußball. Vom Tempo her, vom Einsatz. Nach dem WM-Titel 1990 hat man bei uns zehn Jahre Entwicklung im Nachwuchsbereich verschlafen, stattdessen hat man zu viele mittelmäßige Ausländer geholt, die die Liga verstopften. Jetzt hat der DFB ja reagiert, mehr Stützpunkte für den Nachwuchs aufgebaut. Aber diesen zehn Jahren rennt man jetzt hinterher.

Der Chefscout des DFB, Urs Siegenthaler, beklagt eine mangelnde geistige Beweglichkeit und sagt, dass in der Bundesliga viel zu langsam gespielt wird ...

Lattek: Wir haben halt auch keine Spieler, die solche technischen Fähigkeiten für ein schnelles Spiel besitzen. Schauen sie sich Barcelona an. Die spielen in einem Eilzugtempo, das sie sich im Training hart erarbeiten, mit vielen schnell wechselnden Ballkontakten. Das Dribbling gibt es kaum und wenn, dann nicht zur Selbstdarstellung, sondern um den Punkt zu setzen. Dieses enorme Tempo, aus der Abwehr heraus in den Angriff, das gibt es bei uns nicht. Höchstens Werder Bremen kommt da noch in die Nähe.

Hitzfeld: Mit den alten deutschen Tugenden kann man keinen Blumentopf mehr gewinnen. Technisch waren wir nie die Besten und so sind die anderen europäischen Ligen an uns vorbeigezogen. Ich sehe uns in Europa maximal an vierter, fünfter Stelle.

Lattek: Man braucht einfach auch das nötige Spielerpotenzial. Was hatten wir 1974 für Weltklasse-Persönlichkeiten auf dem Feld stehen. Und wenn wir jetzt unser WM-Team, das Dritter wurde, anschauen, dann muss man sowohl die Weltklasse als auch die Persönlichkeiten schon mit der Lupe suchen.

Jetzt machen Sie uns die „Sommermärchen“-Euphorie kaputt ...

Lattek: Wir haben das alles ein bisschen zu hoch gehängt. Wie viele gute Spiele haben wir bei der WM denn gemacht? Die erste Halbzeit gegen Schweden war total überzeugend, und dann? Die Menschen, das Umfeld hat diese phantastische Stimmung aufgebaut. Das ging mehr vom Land aus, als vom Fußball selbst. Ich will jetzt nicht alles schlecht machen, aber unsere Spiele wurden deutlich überbewertet.

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