Fall Kevin Pezzoni
„Die Hemmschwelle wird immer niedriger“

Der Fall des Kölner Fußballprofis Pezzoni, der sich vor dem eigenen Anhang nicht mehr sicher fühlte und die Flucht antrat, erhitzt weiter die Gemüter. Der Bundestrainer ist entsetzt, Spielervertreter fordern Konsequenzen.
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Köln/BarsinghausenJoachim Löw und der DFB sind besorgt, die Spielergewerkschaft und auch die Polizei schlagen Alarm: Der Fall Kevin Pezzoni lässt dem deutschen Fußball keine Ruhe. „Ich finde das inakzeptabel, dass so etwas überhaupt passieren kann“, sagte der Bundestrainer am Dienstag zu den Geschehnissen um den Mittelfeldspieler, der nach Gewaltdrohungen von Hooligans seinen Vertrag beim Zweitligisten 1. FC Köln gelöst hatte. „Da müssen wir ganz klar dagegen angehen“, erklärte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff und versicherte: „Es ist schon eine Entwicklung, die uns beunruhigt beim DFB.“

Auch Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, warnte vor weiteren Eskalationen. „Es darf nicht sein, dass Spieler durch kriminelle Machenschaften so eingeschüchtert werden, dass sie Reißaus nehmen müssen. Und es kann nicht sein, dass Gewalttäter quasi die Kader der Vereine bestimmen“, sagte Baranowsky der Nachrichtenagentur dpa. Wenn das so weitergehe, „haben wir bald Verhältnisse wie in Mexiko, wo Spieler schon zu Tode gejagt wurden“, warnte Baranowsky in der „Bild“-Zeitung.

Laut VDV nehmen Negativbeispiele auch im deutschen Fußball zu. „Autos werden zerkratzt, einem Spieler wurde das Wadenbein gebrochen, einem anderen nach einem Discobesuch die Nase.“ In Dresden seien als Drohung elf Gräber ausgehoben worden, sagte VDV-Mann Baranowsky. „Die Hemmschwelle wird immer niedriger, die Hysterie größer. Dieses Thema müssen wir auf allen Ebenen ernst nehmen. Wenn Schläger vor der Haustür von Spielern stehen, wenn Autos zerkratzt oder Angehörige bedroht werden, ist das eine sehr gravierende Sache.“

Fan-Experte Harald Lange fürchtet, dass die Causa Pezzoni kein Einzelfall bleiben wird. „Das wird Schule machen, das macht Schule“, sagte der Leiter des Instituts für Fankultur an der Universität Würzburg der dpa. Lange geht zwar von Einzeltätern aus, sieht aber auch einen Trend: „Seit zwei, drei Jahren gibt es immer mehr solche sonderbaren Fälle.“ Den Fall Pezzoni bezeichnete Lange indes als „atypisch“, da jungen Spielern vom Anhang der Clubs normalerweise Zeit zur Entwicklung zugestanden werde. Er hält eine stärkere Integration der Fans in die Vereinsstrukturen für sinnvoll. Maßgeblich seien dabei Dialogbereitschaft und Transparenz, damit so ein Fall verhindert werden kann.

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„Zutiefst bedrückende Eskalationsstufe“

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