Frankreich
In Marseille droht das Chaos

Der Rauswurf von Präsident Pape Diouf beim französischen Fußball-Vizemeister löst eine Protestwelle aus, die Fans drohen mit Krawallen. Den Kandidaten für Dioufs Nachfolge erwartet ein rauher Wind: Trainer Didier Deschamps liebäugelt mit Abschied, falls ihm der neue Präsident nicht zusagt.

PARIS. Die Mauern des Trainingszentrums sind beschmiert. Aufgebrachte Fans des südfranzösischen Traditionsvereins Olympique de Marseille haben ihrem Ärger hier Luft gemacht. Sie beschimpfen den 63-jährigen Klubbesitzer und Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus und drücken ihre Verehrung für Pape Diouf aus. Der war bis vor einigen Tagen noch Vereinspräsident des 1899 gegründeten und populärsten französischen Fußballklubs. Doch der 57-jährige Senegalese, ein ehemaliger Journalist und Spielerberater, musste nach Streitigkeiten über die Führung des Vereins seinen Hut nehmen. Und das sorgt für wachsenden Unmut bei Vizemeister Olympique.

Die Fans haben bereits mit Krawallen gedroht. In Marseille nennen sie den geschassten Präsidenten liebevoll "le pape", den Papst. Sogar die Politik mischt sich ein: Marseilles Bürgermeister Jean-Claude Gaudin nannte die Entscheidung gegen Diouf "unverständlich".

Das Erbe, das Pape Diouf hinterlässt, wiegt schwer. Gestern wurde nun mit Jean-Claude Dassier der Wunsch-Nachfolger von Louis-Dreyfus ins Spiel gebracht. Der Journalist knüpft seinen Amtsantritt allerdings noch an einige Bedingungen. Er will etwa seine eigene Führungsmannschaft mitbringen.

Der 67-jährige Dassier, der noch nie einen Verein geführt hat, war bisher für die Nachrichten beim französischen Privatsender TF1 verantwortlich. Er gilt als ausgesprochen durchsetzungsstark. Das ist auch nötig, denn ihn erwartet auch intern Gegenwind. Trainer Didier Deschamps, Fußballweltmeister von 1998, ließ durchblicken, dass er kündigen könnte, falls der neue Präsident und dessen Führungsmannschaft ihm nicht zusagen. Bei den organisierten Fans stößt Dassier auf offene Ablehnung: "Er weiß nicht, wo Marseille liegt. Er versteht nichts von Fußball und von Olympique", sagt Michel Tonini, Vizepräsident des mächtigen Fanklubs Yankee.

Schon Diouf war an internen Streitigkeiten gescheitert. Er hatte sich einen klubinternen Machtkampf mit Vincent Labrune, Chef des Aufsichtsrates und Vertrauter von Louis-Dreyfus geliefert. Nicht nur Labrune machte Diouf für den Weggang des vorherigen Trainers, des Belgiers Eric Gerets, verantwortlich. Gerets verließ den Klub erst vor kurzem - ausgerechnet in der entscheidenden Saisonphase. Louis-Dreyfus wollte Gerets halten, doch Diouf soll ihn nicht unterstützt haben. Viele sehen das als Grund dafür, dass Olympique in dieser Saison nicht Meister wurde und mit drei Punkten Rückstand nur auf Rang zwei landete.

Dioufs sportliche Bilanz kann sich sehen lassen. Dem einzigen farbigen Funktionär im französischen Spitzenfußball gelang es in seiner vierjährigen Amtszeit als Präsident zwar nicht, die Dominanz des Serienmeisters Olympique Lyon zu brechen - das schaffte erst der aktuelle Titelträger Bordeaux in diesem Jahr. Dennoch hat Marseille, das nach Spiel-Manipulationen Ende der 90er-Jahre noch zum Zwangsabstieg verdonnert wurde, unter Diouf auch international aufgeholt. Das Team konnte sich dreimal in Folge für die Champions League qualifizieren - und damit auch die Finanzen des Vereins stabilisieren.

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