Frankreich lechzt nach neuen Großtaten
Die Zeiten der Selbstzweifel sind passé

Das Halbfinale vor Augen und die Schmach von Paris in den Köpfen - die Motivation des Titelverteidigers aus Brasilien dürfte vor dem Viertelfinale gegen Frankreich kaum zu übertreffen sein. Doch auch die "Equipe Tricolor" sieht ihre anfängliche Blockade überwunden und meldet sich bereit für neue Großtaten.

HB DÜSSELDORF. Zwar behauptet "Selecao"-Coach Carlos Alberto Parreira, es ginge bei diesem "Klassiker des Weltfußballs" nicht um "Revanche" für die demütigende Finalniederlage von Paris 1998. Und auch Ergänzungsstürmer Fred von Olympique Lyon versucht, die Brisanz des Duells klein zu reden. "Ich glaube, zu der Zeit habe ich noch nicht einmal Fußball gespielt", sagt der 22-jährige, Torschütze beim 2:0 in der Vorrunde gegen Australien.

Doch gibt es immerhin zwölf Aktive, die damals dabei waren und nun wieder aufeinander treffen. Beim fünfmaligen Weltmeister standen Ronaldo, Cafú und Roberto Carlos im Stade de France auf dem Platz. Torwart Dida sowie Emerson und Zé Roberto erlebten die unvergessene Pleite von der Bank aus mit. Dass sie die Schmach von Paris allemal im Sinn haben, wenn es am Samstag um 21 Uhr in Frankfurt um den Einzug in die Runde der letzten Vier geht, kann denn Ronaldo trotz allen Selbstbewusstseins auch nicht leugnen. "Wir blicken dem Duell entgegen wie einem Endspiel und müssen diese Niederlage vergessen", sagt er. Teamkollege Roberto Carlos geht darüber lieber hinweg. Er verspricht ein "gutes Spiel, in das wir mit breiter Brust gehen". Brasilien sei Titelverteidiger. "Das ist die Realität."

Realität ist aber auch, dass Brasilien, das noch um den Einsatz der angeschlagenen Kaka, Emerson, Robinho und Lucio bangt, in den vergangenen vier Partien gegen "Les Bleus" zweimal Unentschieden spielte und zweimal verlor. Der letzte Sieg datiert vom 26. August 1992. Zudem ist die Mannschaft trotz ihres riesigen Potenzials bislang noch weit von überzeugenden Darbietungen entfernt. Nach drei Vorrundensiegen mit Ergebnisfußball, bei denen vor allem gegen Kroatien und Australien einige wenige geniale Momente die Spiele zu ihren Gunsten entschieden, trieb die selbstgefällige Selecao ihren Minimalismus beim viel zu deutlichen 3:0-Sieg gegen Ghana auf die Spitze und erntete dafür unuberhörbare Pfiffe des Dortmunder Publikums. Parreira lässt das kalt. "In den Geschichtsbüchern wird nicht vom schönsten Spiel erzählt, sondern von Champions", sagt der 63-Jährige.

Ein Satz, der auch von Raymond Domenech stammen könnte. Auch seine mit einem Altersdurchschnitt von über 30 Jahren unzweifelhaft in die Jahre gekommene Mannschaft spielt lange nicht mehr den Zauberfußball, dem vor acht Jahren selbst die Brasilianer nichts entgegensetzen konnten. Auch bei de Blauen, bei denen damals Zinedine Zidane als zweifacher Toschütze, Torwart Fabien Barthez, Lilian Thuram und Patrick Vieira mit von der Partie waren und Thierry Henry und David Trezeguet zuschauten, ist die Ergebnisorientierung das erste Gebot. Doch die Franzosen haben sich im Gegensatz zu den Brasilianern von Spiel zu Spiel gesteigert, haben seit dem 2:0 gegen Togo endlich auch die Ängstlichkeit des festgefahrenen Sicherheitsfußballs abgelegt und zu neuem Siegeswillen gefunden. Domenech bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Mag sein, dass wir ein Team alter Männer habe. Aber wir verstehen es, Geduld zu haben."

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