Frings verletzt
Der neue Realismus der deutschen Nationalelf

Rumpelfußball macht bescheiden: Ihren Trainer Joachim Löw einmal ausgenommen, der am Dienstag den Deutschen den Einzug ins Halbfinale versprach, sieht sich das DFB-Team im Viertelfinale gegen Portugal "ein kleines bisschen als Außenseiter" (Christoph Metzelder) und jedenfalls "nicht als Favorit" (Michael Ballack).

TENERO/WIEN.Christoph Metzelder spielt jetzt seit fast einem Jahr bei Real Madrid, er kann schon außergewöhnlich gut Spanisch und auch mit den Landessitten hat er sich ganz ordentlich arrangiert. Beispielsweise weicht er nicht zurück, wenn ihm ein Radioreporter ein Mobiltelefon entgegen hält, um ihn direkt in eine von Spaniens zahlreichen Fußball-Debatten zu schalten. Christoph Metzelder wurde nur ein bisschen rot am Montagabend in den Katakomben des Wiener Ernst-Happel-Stadions, und dann sagte er in seinem vorzüglichen Spanisch: "Wir haben uns am Ende mit Glück für das Viertelfinale qualifiziert."

So ehrlich hat man das in deutscher Sprache von keinem Spieler vernommen, aber in den letzten Tagen ist schon der Eindruck entstanden, dass diese Nationalmannschaft ein realistischeres Bild von sich selbst bekommen hat. Ihren Trainer Löw einmal ausgenommen, der gestern den Deutschen den Einzug ins Halbfinale versprach, sieht sich das DFB-Team im Viertelfinale gegen Portugal "ein kleines bisschen als Außenseiter" (Metzelder, auf Spanisch) und jedenfalls "nicht als Favorit" (Michael Ballack, auf Deutsch).

Die Illusion, bei dieser EM jedem Gegner spielerisch auf Augenhöhe begegnen zu können, hat sich mit der traumatischen Niederlage gegen Kroatien verflüchtigt, und das errumpelte 1:0 gegen Österreich hat sie nicht wiederbelebt. Stattdessen rücken traditionelle Werte wieder in den Vordergrund, und was daran auffällt: Vor allem die erfahreneren Spieler finden das gar nicht so schlimm.

Kapitän Ballack am Allerwenigsten, er hat sie nach der Kroatien-Partie ja sogar expressiv verbis zurück ins Spiel gebracht, die "deutschen Tugenden", die "das allererste sind, was wir wieder zeigen müssen". Ballack, der schon vor der WM 2006 eine defensivere Taktik erwirkt hatte, machte seine Ansicht am Freitag in einer internen Besprechung ohne Trainer offenbar auch dem verträumtesten Mitspieler klar. Denn gegen Österreich spielte die Mannschaft ziemlich deutsch, sie rannte, kämpfte, stand kompakt, entschied das Spiel durch eine Standardsituation und drosch den Ball auch mal blind nach vorn, anstatt, wie von Löw eigentlich zur Philosophie erhoben, von hinten heraus zu kombinieren.

Löw gab sich gestern alle Mühe, den Eindruck zu erwecken, dieser Stil habe in der speziellen Drucksituation der Österreich-Partie seinen Segen gehabt. "Unserer Spielweise entspricht das nicht", erklärte er jedoch, "und die wird beibehalten." Schon gegen Portugal werde es bestimmt besser. Das muss es auch, findet einer wie Franz Beckenbauer, "denn sonst ist es das letzte Spiel".

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