Für den Schalker Stürmer ist die Euro-Nominierung in Gefahr
Täter und Opfer zugleich

Unter den königsblauen Verlierern gehörte er zu den ganz Großen – Verlierern wohl gemerkt. Nur eine Stunde durfte Kevin Kuranyi gegen Barcelona spielen. Unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw in einem so bedeutsamen Spiel wegen Formschwäche ausgewechselt zu werden – das war eine persönliche Niederlage für den Stürmer, die schlimme Erinnerungen wach werden lässt.

GELSENKIRCHEN. Die Zahlen auf der Tafel des vierten Offiziellen wirkten auf die frustrierten Fans des FC Schalke 04 wie Chiffren der Hoffnung. Rot unterlegt leuchtete die „22“ auf, grün die „27“. Für Kevin Kuranyi war das Spiel nach einer Stunde gelaufen, und Vicente Sanchez war aufgerufen, den bis dahin stockenden Verkehr in Richtung des gegnerischen Strafraums zu beschleunigen.

In den Jubel über den Wechsel mischten sich Pfiffe gegen Kuranyi. Der Nationalstürmer hatte so schlecht gespielt wie fast immer in den vergangenen Wochen. Insofern ist er bei Schalke einer von vielen, aber auch seine Körpersprache lieferte Argumente für seine Auswechslung. An diesem Champions-League-Abend wäre ein Stürmer außergewöhnlicher Klasse vonnöten gewesen, um den Rückstand im Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona noch aufzuholen – ein Stürmer, wie es Kuranyi vielleicht einmal war oder hätte werden können.

Lange schien das 0:1, das auch am Ende Bestand hatte, wie in Stein gemeißelt. Doch nach Kuranyis Auswechslung folgte die beste Phase der Schalker, die sich dem Favoriten in der ersten Halbzeit noch ohne Gegenwehr ergeben hatten. Ob sie Kuranyis Auftritt mit bitterem Beifall oder mit Pfiffen gewürdigt hatten, die Kritiker im eigenen Lager fühlten sich bestätigt. Ohne den Gescholtenen kam Schalke endlich zu Chancen. Dennoch gelang den Königsblauen gegen zunächst nachlassende, später nachlässige Katalanen nicht der Ausgleich. Schalke schuf kein Fundament für das Rückspiel am kommenden Mittwoch, sondern hielt nur die Illusion aufrecht, als Außenseiter unter günstigsten Umständen doch noch das Halbfinale erreichen zu können.

Das größte Hindernis auf dem Weg dorthin entstand schon in der Anfangsphase nach einer Fehlerkette, die bis zu Torhüter Manuel Neuer reichte und dem spanisch-serbischen Talent Bojan Krkic das Tor des Abends ermöglichte.

Dieses Gegentor zwingt Schalke nun, in Barcelona mindestens eines zu schießen. In dieser Disziplin aber sind die Westfalen besonders schlecht. In sechs von neun Champions League-Spielen stand die Null auf ihrer Habenseite. Von den sechs Treffern allerdings, die ihnen gelangen, erzielte Kuranyi die Hälfte. Dennoch trifft ihn der Zorn des Volkes wie keinen anderen Spieler seiner Mannschaft. An die Pfiffe habe er sich längst gewöhnt, hat er vor kurzem behauptet und dabei so getan, als könnten sie seiner Gemütslage nichts anhaben. Nach dem Spiel gegen Barcelona hat Kuranyi dann gar nichts mehr gesagt und gestern nur den Satz: „Ich bin zu müde im Kopf, um etwas zu sagen.“

Vor zwei Jahren war er in einer vergleichbaren Situation und verspielte als vermeintlich sicherer Kandidat mit einer miserablen Rückrunde die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Inzwischen wird er wieder als Streichkandidat gehandelt. Gut zwei Monate vor der Europameisterschaft liegt er in der Rangfolge der besten deutschen Stürmer nicht nur hinter Miroslav Klose und Mario Gomez, sondern auch hinter der Münchner Teilzeitkraft Lukas Podolski und vermutlich sogar hinter dem Leverkusener Aufsteiger Stefan Kießling. Im Kampf um Platz fünf im Stürmeraufgebot des Bundestrainers sitzt ihm ein Zweitligaspieler wie Oliver Neuville im Nacken.

Unter den Augen von Joachim Löw in einem so bedeutsamen Spiel wegen Formschwäche ausgewechselt zu werden – diese persönliche Niederlage dürfte Kuranyi denn auch mehr frustriert haben als das Ergebnis selbst. Später wurde Schalkes Trainer Mirko Slomka gefragt, ob er mit Kuranyis Kopfballstärke vielleicht doch etwas hätte ausrichten können, weil sein erst seit kurzem wieder konkurrenzfähiger Mitbewerber Sören Larsen zwei Chancen mit dem Kopf vergab. Auf einen derart hypothetischen Verlauf wollte Slomka allerdings nicht eingehen. Statt dessen stellte er Kuranyi eine Entschuldigung aus, mit der er zugleich sich selbst exkulpieren wollte. „Mit Sanchez wollten wir noch mal Frische nach vorne bringen“, sagte er. Kuranyi fehle es an Kraft, „weil er nach einer Lungenentzündung während der Winterpause keine Vorbereitung hatte“. Deshalb habe er es vorgezogen, ihn zu schonen.

Warum aber hat Slomka seinen trotz allem erfolgreichsten Stürmer dann nicht zuletzt gegen Bielefeld, Duisburg oder Berlin eine Pause verabreicht, wenn er doch wusste, dass Kuranyi nicht bei Kräften ist? Wie es scheint, ist Kuranyi Täter und Opfer zugleich. Er verkörpert spielerische Mängel, leidet aber zugleich unter fehlender Kreativität im Spielaufbau. Darin sehen andere ihre Chance. „Wir haben viele gute Stürmer“, behauptete Larsen und fügte fürsorglich hinzu: „Für Kevin wäre eine Pause auch mal gut.“

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